P. Fernando Millán Romeral, O.Carm., Generaloberster
2) Selbstachtung
Wenn sich ein Mensch der Probleme und Mängel bewusst wird, die (heute) offensichtlich das Leben der Ordensgemeinschaft überhaupt und ebenso das Leben der Karmeliten begleiten, fällt er in die Versuchung der Mutlosigkeit: Mangel an Berufungen, das fortgeschrittene Alter der Mitbrüder, insbesondere in der westlichen Welt, Identitätskrisen, in manchen Zusammenhängen auch nachlassende Akzeptanz in der Gesellschaft, ja sogar in der Kirche, und andere noch heiklere und schmerzhaftere Probleme. Und diese Mutlosigkeit ist vielleicht die gefährlichste und hartnäckigste Versuchung im Leben von uns Gläubigen. Wir fallen in eine niederdrückende Denkweise, in systematischen Negativismus, und es scheint (uns), als hätte nichts mehr Wert.
Es ist ohne Zweifel, dass es Probleme gibt und dass sie ernsthaft, mutig und manchmal mit Unnachgiebigkeit angegangen werden müssen. Aber das ändert nichts daran, dass es auch viele Zeichen der Vitalität gibt, viele kleine karmelitische Gemeinschaften, die demütig und authentisch ihr Berufung leben und in der Welt Zeugnis von dem Gott des Evangeliums ablegen. Häufig erregt das Positive weniger Aufmerksamkeit als das Negative. Manchmal scheint es, dass wir Ordensleute und Ordensschwestern, aber vielleicht auch die Menschen insgesamt, besser in der Lage sind, das Negative wahrzunehmen als das Positive, Schöne und Edle – und davon gibt es in unserem karmelitischen Leben nicht wenig. Wenn wir nicht in der Lage sind, dies in Demut und Dankbarkeit zu sehen, wenn unsere Mitbrüder, unsere Gemeinschaften und unser Leben (für uns) die Fähigkeit verloren haben, uns zum Staunen zu bringen, wenn wir in unserem Alltag keinen Anreiz zu Hoffnung, Mut und Dankbarkeit finden,... dann stimmt etwas nicht. Vielleicht müssen wir unsere Fähigkeit zu sehen und geistlich zu sehen, erneuern, unseren Blick reinigen und den Herrn bitten, uns klare Augen zu schenken, so dass wir auf unsere Brüder mit derselben Zärtlichkeit und Barmherzigkeit blicken, wie er uns sieht.
In diesem Sinne spreche ich von Selbstachtung. Es geht nicht darum, die Augen vor Problemen zu verschließen, noch in dumme Selbstmitleid oder unrealistische Naivität zu verfallen, geschweige denn die Fähigkeit zur Kritik und Selbstkritik zu verlieren. Vielmehr bedeutet es, eine andere Werteskala zu verwenden, unsere Arbeit weniger nach "Ergebnissen", sondern mehr nach "Früchten" zu messen, und schließlich mit jammernden, traurigen und unfruchtbaren Reden aufzuhören. Und all dies werden wir nicht verwirklichen können, wenn wir nicht in die österliche Dynamik eintreten, die die Theologen als eschatologische Spannung zwischen "schon" und "noch nicht" bezeichnen. Zwischen beiden Elementen ist es nur schwierig, ein Gleichgewicht zu finden, aber beide sind notwendig. In manchen Phasen unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens müssen wir das "noch nicht" betonen, das bedeutet: das, was uns fehlt, unsere Schwächen, Kritik und prophetische Vorwürfe, die sich an unser eigenes Leben richten. Aber in anderen Momenten müssen wir unseren Blick dankbar und freudig auf das "schon" richten, auf das, worüber wir uns freuen und was wir haben. Das Denken der Karmeliten, das beim "schon" verharrt, fällt unweigerlich in ein brüchiges Pseudo-Pfingsten und gleitet aus der Realität heraus. Das Denken der Karmeliten, das beim "noch nicht" verharrt, verwandelt sich unweigerlich in Ideologie, Negativität, Unzufriedenheit und falsches Prophetentum.
Diese Dynamik wird jedoch nicht verständlich sein, wenn sie nicht aus den Ostern Christi sprudelt, oder genauer gesagt – sagen wir ohne Bedenken – aus dem Kreuz. Und daher erfordert es eine Umkehr. Sich selbst zu schätzen und Achtung vor sich selbst (vor seinen Brüdern und Schwestern, seinen Gemeinschaften und seinen Provinzen) können wir nur, wenn wir unser Leben im Licht Christi erhellen, wenn wir ihm erlauben, unsere dunklen und manchmal muffigen Ecken zu erleuchten und zu durchdringen. Um diese Art von Selbstachtung geht es mir.