Heiliger Geist: Geschenk und Kraft (Teil 2)

P. Gianni Colzani

Zum Verständnis des Begriffs Geist

Der Begriff Geist ist nicht leicht zu verstehen. Seine vielfältige Verwendung im Alltag, in der Wissenschaft und in der Kultur führt dazu, dass er viele Bedeutungen hat: Geist ist Seele und Gespenst, persönliches Bewusstsein und Verbindung einer bestimmten Gruppe von Menschen, Organ des Denkens und Wille zum Handeln, Dimension, die dem Menschen eigen ist, und göttliche Essenz. Die Vielzahl der Bedeutungen zwingt uns, den Begriff Geist zu klären, um sein ursprüngliches Verhältnis zur Erfahrung zu erfassen. Ich werde dies anhand der Welt der Bibel tun.

Im Schrift4 bezeichnet das Wort ruah einen Windstoß, wobei der Wind, der erfrischt oder Regen bringt, das atmosphärische Klima schafft, das für das Leben notwendig ist. Aufgrund dieser tiefen Verbindung zum Leben bezeichnet ruah Vitalität - unvorhersehbar und sprudelnd, physisch und psychisch; im Gegensatz dazu wird dort, wo ruah fehlt, das Klima drückend und die Situation tödlich sein. Während der babylonischen Exilzeit beginnt unser Begriff, den ruhigen Atem des Menschen und – im übertragenen Sinne – die Lebensenergie des Menschen und seine Fähigkeiten, sein „Ich“, zu bezeichnen. Daher lässt sich sagen, dass ruah ein enges Verhältnis zum Leben, zu seiner dynamischen und schöpferischen Energie, zu seiner Fähigkeit, sich auszudrücken und Gemeinschaft der Freude und Liebe zu schaffen, umfasst: Der Geist ist der Geist des Lebens. Die Tatsache, dass man nicht über den Geist verfügen kann, deutet darauf hin, dass im Bewusstsein Israels das Leben eine souveräne, wenn auch geheimnisvolle Kraft ist.

Seit einiger Zeit weisen mehrere Autoren5 auf die tiefe Beziehung zwischen ruah und rewah hin. Der zweite Begriff bezeichnet den weiten und freien Raum, und somit jene Bewegung der Erleichterung und der Befreiung, die Raum schafft, der Platz für den anderen macht. Indem sie ruah und rewah verbindet, den heftigen Atem und das Geben von Raum, weist Schüngel-Straumann auf die Geburt hin als den Moment, in dem das heftige und mühsame Ausatmen Erleichterung findet, indem es einem anderen Leben Platz gibt: Erleichterung und Befreiung, die für die Geburt charakteristisch sind, würden also auf den weiblichen und mütterlichen Aspekt des Geistes hinweisen. Der Geist ist die Annahme der Fürsorge für das Leben, der Geist ist Zärtlichkeit und tiefes Teilen des Lebens selbst. Der Geist ist hier der mütterliche Ausfluss aus sich selbst, der dem anderen nah sein möchte und sein Wohl und sein Leben suchen möchte.

Diese menschlichen Vorstellungen hat die Schrift verwendet, um von Gott zu reden, damit uns Gottes Handeln verständlich ist. Sicher dürfen wir nicht vergessen, dass Gott kein Geschlecht hat, dass er weder Mann noch Frau ist. Besonders Augustinus lehnt es ab, die Beziehung zu Gott mit Begriffen zu erklären, die aus dem Bereich der Liebe zwischen Menschen entlehnt sind; für ihn ist jeder einzelne Mensch das „Abbild“ Gottes. Meiner Meinung nach liegt der Wert von Augustinus’ Mahnung darin, dass er die Begrenztheit jedes Symbols erinnert, das versucht, das göttliche Geheimnis zu erklären. Dennoch kann die Verwendung väterlicher und mütterlicher, männlicher und weiblicher Kategorien in gewissem Maße zu einem besseren Verständnis Gottes und seines Handelns beitragen. Deshalb halte ich es für gerechtfertigt zu sagen, dass die Schrift diese – und auch andere – Vorstellungen verwendet.

Vor diesem Hintergrund wird der Geist des Lebens als der schöpferische Geist beschrieben (Ps 33,6; 104,29–30) und prophetisch, das heißt als das Wirken jenes Gottes, dem die Errettung seines Volkes am Herzen liegt und der sein Volk mit seinem Wort begleitet. Allmählich zeigt sich die Eigenart und Besonderheit dieses göttlichen ruah: Einerseits ist er mit der königlichen Würde verbunden (2 Sam 23,2), wodurch er seinen Charakter der Unberechenbarkeit verliert, andererseits – da Könige nicht in der Lage sind, im Dienst des HERRN (JHWH) standhaft zu bleiben – liegt er tiefer im Herzen des Menschen als Geschenk, das ihm anvertraut wird und ihn erneuert (Ezech 36,26–27; Ps 51,12). Doch das (babylonische) Exil eröffnet ein neues Thema: die Beziehung zwischen dem Geist und dem Leben (Gen 1,2; Ezech 37,1–14). Das Leben ist hier ein Geschenk Gottes, das heißt die Nähe Gottes und Gottes Streben nach dem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens (Jes 61,1–3). Und der Geist ist somit jener Gott, der sich selbst hinausbewegt, um den Menschen zu retten und zu erneuern, um die Menschen zur Gemeinschaft mit sich selbst zu berufen und sie gleichzeitig zum Wort und zur Weisheit zu führen. Der Geist ist jedoch der Heilige Geist (Jes 63,10.11; Ps 51,13), die transzendente Kraft jenes Gottes, der sich uns ähnlich gemacht hat.

Das Neue Testament wird das Gestalt Christi einerseits im Licht der Erwartung des universellen Geschenks (Gottesgeist) am Ende der Zeiten (Mt 12,18–21.28; Luk 4,16–21; 10,21; Apg 10,38) betrachten, andererseits wird es in ihm den Messias sehen, der den Geist gibt (Apg 2,17–18). Die Person Jesu und sein ganzes Werk sind mit dem Geist verbunden. Dieser ist nicht nur eine außergewöhnliche Kraft, sondern die Lebensenergie der Gemeinschaft, die zur Heiligkeit berufen ist. Die kirchliche Gemeinschaft ist ganz um den Geist konzentriert, wird durch die Wirkungen des Geistes (1 Kor 12,1–7) aufgebaut und mit seinen Früchten (Gal 5,22) bereichert; in ihm hat sie das grundlegende Kriterium für ihr Leben (1 Thess 5,19–21). Paulus – ohne das persönliche Wirken des Geistes auszuschließen (Gal 4,4–6; Röm 5,1–5) – strebt danach, die Einheit seines Wirkens mit dem Auferstandenen zu betonen: Der Geist ist die Kraft, mit der Kyrios die Gemeinschaft seiner Jünger (2 Kor 13,13) mit sich einigt, bis er sie zu seinem lebendigen Leib macht. Diese Beziehung wird dann sehr entwickelt vom Evangelisten Johannes, der zum gewohnten Thema der Taufe und Sendung das Thema des Trösters-Parakleten (Joh 14,16–18; 15,26–27; 16,7–11) hinzufügt. Ausgehend vom kirchlichen Charisma parakalein konzentriert Johannes das Wirken des Geistes um die Wahrheit: Es geht darum, Zeugnis von der Wahrheit abzulegen und in die Fülle der Wahrheit einzuführen. Da die Wahrheit sich in Worten ausdrückt, die Geist und Leben sind (Joh 6,63), umfasst die Wahrheit, zu der der Geist uns führt, das Leben in all seinen Aspekten. Der Geist ist in uns und in der Kirche gegenwärtig, gehört aber niemals zu unserem Besitz: Der Geist gehört zur Sphäre der göttlichen Realität, zu der wir nur durch Gnade Zugang haben, aus dem Geschenk Gottes. Mit seiner Gegenwart in uns erweckt der Geist in uns das volle menschliche Leben und die volle menschliche Würde. Gloria Dei vivens homo. (Die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch.)

Auf dieser – zweifellos breiten – Grundlage bewegte sich die Theologie der letzten Jahrzehnte. Sie versuchte vor allem, die biblische Grundlage zu analysieren und strittige historische Momente zu klären. Dieser Einsatz endete jedoch schließlich – wie J. Moltmann 1983 in seiner Rezension von Congars dreibändiger Arbeit feststellte – mit einer Einschränkung auf die traditionelle Auffassung, ohne dass sie ein neues Paradigma zum Verständnis des Geistes anbieten konnte.6 Dies wird insbesondere von zwei Autoren – Taylor und Pannenberg – versucht, die die Pneumatologie erneut radikal neu bewerten werden. Der erste von ihnen7 lässt sich von dem Philosophen M. Buber und dem australischen Biologen L. C. Birch inspirieren und hypothetisch annehmen, dass ein solcher Zusammenhang zwischen Menschen und evolutionärer Entwicklung besteht, wo das Wirken des Geistes eng mit der menschlichen Zusammenarbeit verbunden ist; so skizziert sich nach ihm ein Weg, wo der Auftrag der Kirche „zum Kampf gegen viele Aspekte der technisierten Gesellschaft wird, die gegen die Sensibilität des Menschen und die volle Verwirklichung seiner Person gerichtet sind.“8 Der zweite9 kritisiert jede Auffassung der Welt als geschlossenen Gesamtzusammenhang und erläutert anhand des Phänomens des „Kraftfeldes“ den wissenschaftlichen Begriff, der zulässt, dass von außen ein Einfluss auf die materielle Welt wirkt; er lässt sich von P. Tillich und Teilhard de Chardin inspirieren und stellt den Geist als ein himmlisches Kraftfeld dar, in dessen Kraft es möglich ist, ekstatisch über sich selbst hinauszugehen: Die Welt öffnet sich Gott.

Das Ergebnis ist eine Vielfalt von Auffassungen zur Theologie des Geistes.10 Auf der einen Seite versucht die erste Gruppe von Autoren – angeführt von J. Moltmann11 – die Theologie des Heiligen Geistes im Hinblick auf den Begriff Leben zu interpretieren: (ihretwegen) die Weise, wie der Geist in Übereinstimmung mit seiner Persönlichkeit die ganze Welt erfasst, ist die Vitalisierung des Lebens. Denn er hat das Leben mit seiner befreienden und heilenden Kraft der Ostererfahrung Jesu übergossen. Balthasar stellt die Frage nach den kulturellen und theologischen Voraussetzungen [der Vorstellung] des Lebens, da er befürchtet, dass das Festhalten an Pannenbergs Autotranszendenz des Lebens oder an Moltmanns immanenter Transzendenz des Geistes nicht in der Lage sein wird, den alttestamentlichen Horizont der historischen und kosmologischen Dimension des Geistes zu überwinden; daher bietet er selbst eine deutlich christologische Sicht an, die auf dem Verhältnis des Geistes zum Wort, das Fleisch geworden ist, basiert. Für Balthasar12 ist der Geist der Geist der Wahrheit und seine Aufgabe besteht darin, allmählich die Wahrheit, die Christus ist, in all ihren Dimensionen zu offenbaren, von den trinitarischen bis zu den kirchlichen und kosmischen. Sowohl die Kirche als auch die Welt werden hier im Licht dieses geistlichen Wirkens betrachtet, das „euch in die ganze Wahrheit führen wird“ (Joh 16,13), das „euch verkünden wird, was ich von mir empfangen habe“ (Joh 16,15). Hier öffnet sich uns das Unendliche, das unserem Autor erlaubt, von pneuma spermatikós zu sprechen, aber nur in der Form alles im Bruchteil: In jedem begrenzten und teilweisen Ereignis der Welt und der Geschichte muss die eschatologische Fülle leuchten. M. Welker13 jedoch geht den Weg eines dritten Ansatzes, den er „realistische Theologie“ nennt:14 mit diesem Begriff meint er eine Theologie, die alle verschiedenen biblischen Traditionen respektiert, die kritisch über die Vergangenheit nachdenkt, um die Wirklichkeit Gottes aufleuchten zu lassen, und das immer strahlender und mit immer größerer Fähigkeit, auf die Bedürfnisse der Menschheit einzugehen.

Schließlich ist es gut, auch in Zusammenfassung die Lehre des Lehramtes der Kirche zu erinnern.15 Die Enzyklika Dominum et vivificantem von 1986 erwähnt insbesondere im dritten Teil unter dem Titel Der Geist, der Leben gibt eine Reihe von Äußerungen des Wirkens des Geistes; die Artikel 55–64 sind eine Analyse der Neuheit seines Wirkens, die in einem Geflecht übernatürlicher Tatsachen mit kulturellen und anthropologischen Erkenntnissen durchgeführt wird. Der Kampf zwischen Geist und Fleisch wird zu einem dramatischen kulturellen Schlüssel für das Verständnis des Konflikts zwischen der Zivilisation des Todes und der Geschichte des Lebens, wobei der Geist, der unserer Schwäche zu Hilfe kommt, der Beginn eines neuen Selbstverständnisses des Menschen und seiner neuen Ausrichtung ist. Der Geist belebt das Leben der Kirche und die Geschichte der gesamten Menschheit, der Geist unterstützt den Menschen auf seiner irdischen Wanderung und hilft ihm, in seinen endgültigen Hafen einzulaufen: „Gott alles in allen“ (1 Kor 15,28).

(La rivista del clero italiano, Milano, Jahrgang LXXVIII, Nr. 10 – Oktober 1997, S. 650–654.
Übersetzt von Zdena Kolářová, ergänzt von Kateřina Lachmanová.)


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