Eltern von heiligen Theresia vom Kinde Jesu und vom Heiligen Antlitz
Sr. Milada von dem Erlöser der Welt, OCD
Um die Fülle und Vollkommenheit des Seins zu erreichen, benötigte Theresia keine besonderen Offenbarungen oder Entrückungen (vgl. AS 161).1 Entscheidendes für ihr religiöses Denken war vielmehr das, was sie durch natürliche Erfahrung erkannte. Für Theresia erzählten alle Dinge von Gott und führten sie alle zu ihm. Sie hatte ein hervorragendes Beobachtungstalent und sah in allem ein Gleichnis. Die alltägliche Realität war für sie eine symbolische Antwort des Vaters auf ihre Erwartungen, in der sie spirituelle Lehren über sich selbst und ihr Leben suchte. Beziehungen und einfache Begebenheiten, die ihr widerfuhren, steigerte sie häufig ins Unendliche. Auf diese Weise suchte sie Gott, sein Antlitz.
In dieser Hinsicht wirkte die Liebe des Vaters und der Mutter am intensivsten auf sie, hier wandte sie diese Ausweitung am meisten an. Wenn sie später sagen konnte: „Gott ist zärtlicher als eine Mutter,“ (AS 166) und „es ist so süß, den guten Gott unseren Vater zu nennen“ (CS 81), dann nur deshalb, weil sie in der übernatürlichen Welt das anwandte, was sie auf natürliche Weise bereits erlebte.
Deshalb sind viele Autoren überzeugt, dass wir die Lehre vom geistlichen Kindesalter in hohem Maße Ludwik und Zélie Martin zu verdanken haben. Sie verdienen Dank dafür, dass sie ihre christliche Berufung so treu lebten und Theresia das wahre Bild von Gott zeigten, der mehr ist als Vater und Mutter.
Wenn also allgemein die Regel gilt: Wenn wir einen anderen Menschen kennenlernen möchten, müssen wir uns mit der Umgebung vertrautmachen, in der er aufgewachsen ist, und mit seinen Eltern, dann gilt dies umso mehr für die hl. Theresia von Lisieux.
Ludwik Martin
Ludwik Josef Alois Stanislav Martin wurde am 22. August 1823 in Bordeaux in einer Familie des Hauptmanns der französischen Armee, Peter Franz Martin (1777–1865), und von Marie Anna Fanie Boureau (1800–1883) geboren. Die Eltern hatten drei Töchter und zwei Söhne, Ludwik war der Mittlere. Keiner seiner Geschwister überlebte das höhere Alter.2 Als er sieben Jahre alt war, zogen die Martins nach Alençon. Ludwik wuchs in einem gesund christlichen, militärisch strengen Umfeld auf. Er erlernte das Uhrmacher- und Goldschmiedhandwerk. Im Alter von zwanzig Jahren besuchte er Basel, Bern und blieb längere Zeit in Straßburg, wo er sich im Handwerk vervollkommnete.
Im Jahr 1845, auf einer Reise durch die Schweiz und Südfrankreich, zeigte er sichtbar, wie er sein Leben erfüllen wollte – er besuchte das Kloster auf dem 2472 m hohen Mont Saint-Bernard, das dort für die augustinischen Kanoniker im 11. Jahrhundert von Saint Bernard von Aosta (Menthon) gegründet wurde. Das Leben der dortigen Mönche bestand aus Gebet und Dienst am Nächsten – an Pilgern und Reisenden. Ludwik Martin wurde jedoch vom Prior abgelehnt wegen mangelnder Lateinkenntnisse, die für das Studium der Philosophie und Theologie erforderlich waren. Nach seiner Rückkehr begann er zwar Latein und Griechisch zu lernen, erkrankte jedoch und musste das Studium für längere Zeit unterbrechen. Er sah darin die Hand Gottes und verzichtete nach seiner Genesung auf seinen Plan.
Er kehrte zu seinem Uhrmacherberuf zurück und machte aufgrund dessen ein Praktikum in Paris, das sich auf drei Jahre ausdehnte. Dort besuchte er regelmäßig die Kirche der Siegesjungfrau. 1850 kehrte er nach Alençon zurück, machte sich von seinen Eltern unabhängig und eröffnete einen Uhrmacher- und Schmuckladen in der Straße Pont Neuf. Dieses Haus mit dem angrenzenden kleinen Garten bewohnte er später auch mit seiner Frau und seinen Kindern bis zum Jahr 1871.
Sein Wesen
Einige Autoren charakterisieren Ludwik Martin etwas abfällig als Idealisten, Träumer, Romantiker, nachdenklichen Einsiedler und als Mensch ohne Sinn für die alltägliche Realität. Selbst wenn dem so wäre, ist jedoch sicher (das erfahren wir auch aus Theresias Schilderungen), dass er im Rahmen seines Temperaments bewundenswerte menschliche und moralische Reife erreichte.
Er reiste gerne und oft und hatte ein Gespür für die Schönheit der Natur und der Kunst. Von ihm erbte Theresia die Leidenschaft für ihre Heimat, Blumen und Wiesen, den bewölkten Himmel, die Sterne und das Meer. Seine besondere Freude war das Angeln. Er verbrachte lange Stunden am Ufer des Flusses Arny. Noch vor der Ehe bot sich ihm die Gelegenheit, in der Nähe des Flusses ein Grundstück namens Pavilion zu erwerben.3 Sofort kaufte er es. Dieses Grundstück spielte im späteren Leben der Familie Martin eine besondere Rolle.4 Herr Martin richtete es nach seinem Geschmack ein. Eine gewisse edle Frau, Fräulein Felicita Baudouin, die ihm half, sein Uhrmacher- und Goldschmiedegeschäft einzurichten, schenkte ihm auch eine Statue der Jungfrau Maria, die nach dem Original des bekannten Bildhauers Bourchandon geschaffen wurde.5 Im Garten des Pavilions erhielt diese 90 cm hohe Statue einen Ehrenplatz.6
Er liebte die Musik und sang bei Familienfeiern gerne Lieder oder rezitierte Gedichte seiner Lieblingsautoren. Dank seines guten Gedächtnisses war er in der Lage, seinen Töchtern viele kleine Geschichten und lustige Anekdoten zu erzählen. Er konnte den Gesang der Vögel sowie die Gesten und Intonation der Personen, über die er sprach, nachahmen. Theresia übernahm diese Fähigkeit zu imitieren von ihm, aber leider wurde ihr nicht eine ähnliche schöne Stimme zuteil. Papa hatte auch künstlerisches Talent, das auch seine Töchter erbten – besonders Paulina, Celina und Theresia. Auf Ausflügen forderte er oft seine Kinder auf, zu zeichnen.7
Er hatte eine künstlerische Seele. Er liebte sein Handwerk, das große Präzision und Konzentration auf winzige Teile erforderte. Auch seine Töchter nannte er mit zärtlichen Spitznamen: Marie war „Diamant“, Paulina „edelige Perle“, Leonie war „gute Leonie“, Celina „Schutzengel“, Theresia wurde für ihn „Königin“, der alle Schätze gehörten. König zu sein bedeutete, unbegrenzte Macht über sein Herz zu haben.
Herr Martin sehnte sich nach Stille und zog sich gerne in die Einsamkeit zurück, um zu meditieren. In Buissonnet richtete er sich ein Zimmer ein, einen wahren Einsiedlerplatz, eine Zelle nur für das Gebet, das Lesen und das Nachdenken – hoch im Dachgeschoss, zu dem nicht einmal seine Töchter Zutritt hatten, es sei denn, es ging um geistliche Gespräche und Rat in Gewissensfragen. Nach dem Tod seiner Frau teilte er seinen Tag nach klösterlichem Muster ein. Sein Freund, der Jesuitenpater Pichon, sagte über ihn, dass er auch als Witwer, Vater von neun Kindern, den Eindruck eines in der Welt verlorenen Mönchs machte. Er war sehr sensibel – bei seinen täglichen Besuchen der Allerheiligsten Eucharistie weinte er oft.
Bis zu seinem 35. Lebensjahr bildeten Handel, Fischerei, Kirchenbesuche und die Arbeit in einer Wohltätigkeitsgesellschaft den Mittelpunkt seines Lebens. An Frauen dachte er nicht.
Zélie Martin
Zélie Marie Guérin wurde am 23. Dezember 1831 in Saint-Denis-sur-Sarthon ebenfalls in einer Offiziersfamilie geboren. Die Ehegatten Isidor Guérin (1789–1868) und Luise Jane Macé (1804–1859) hatten drei Kinder. Die älteste war Marie Luisa (1829), die im Alter von 29 Jahren in den Orden der Heimsuchung in Le Mans (1858) als Schwester Marie Dosita eintrat,8 zwei Jahre jünger war Marie Zélie (1831) und zehn Jahre jünger war ihr Sohn Isidor.
Als Zélie zwölf Jahre alt war, zogen sie nach Alençon. Ihre Kindheit war nicht besonders glücklich. Zwischen ihrem siebten und zwölften Lebensjahr war sie ständig krank und litt unter Kopfschmerzen. Noch mehr quälte sie aber der Mangel an Liebe und Zärtlichkeit in der Familie. Die Eltern waren zwar ehrliche Menschen, hatten ein Pflicht- und Frömmigkeitsgefühl, jedoch waren sie grob. Die Strenge und Morosität des Vaters Guérin beeinträchtigten auch ihre Mutter unwillkürlich. Zélie erlebte tiefes seelisches Leiden. Mit einem ähnlichen Feinfühligkeit und der Fähigkeit zu tiefen emotionalen Erfahrungen werden wir uns später auch bei ihren Kindern begegnen. Sie vermied es jedoch, die Fehler ihrer Eltern zu wiederholen.
Über die Schmerzen, die sie in ihrer Kindheit erlebte, berichtete sie in einem Brief an ihren Bruder: „Meine Kindheit und Jugend war so düster wie ein Leichentuch, denn während dich die Mutter verwöhnte, war sie mir gegenüber, wie du weißt, sehr streng; obwohl sie so gut war, wusste sie nicht, wie sie mit mir umgehen sollte, und ich litt darunter sehr im tiefsten Herzen!“9
Bruder Isidor hatte bei den Eltern stets Vorrang, wurde verwöhnt, dennoch bewahrte Zélie ihm ein Leben lang eine ganz besondere Zuneigung. Eine gewisse Ausgleichung fand sie bei ihrer Schwester Marie Luisa, mit der sie sich sehr gut verstand und die zu ihrer Vertrauten wurde. Beide begannen, die höhere Schule der Schwestern des Heiligsten Herzens Jesu und Maria zu besuchen (während Isidor das Gymnasium besuchte).
In der Schule bei den Schwestern erhielt Zélie eine sehr gute literarische Ausbildung. Als sie später auf die Schulzeit zurückblickte, schrieb sie: „Meine Aufsätze waren so gut, dass ich dafür den ersten Preis erhielt. Von 11 waren 10 meiner Aufsätze immer die besten. Auch in anderen Fächern gehörte ich zu den besten Schülern der höheren Klassen.“10 Darüber hinaus vertiefte sie dort auch ihr religiöses Leben erheblich.
Auch sie sehnte sich danach, sich Gott zu weihen. Bei ihrem aktiven Wesen wollte sie ihr Leben in den Dienst der Kranken stellen und bei den Vinzentinen in einem Krankenhaus in Alençon eintreten. Die Vorsteherin erklärte jedoch nach einem längeren Gespräch unwiderruflich – wahrscheinlich aufgrund ihrer schwachen Gesundheit –, dass Zélies Eintritt ins Kloster sich nicht mit dem Willen Gottes decke. Darauf antwortete Zélie mit einem Gebet: „(Jesus,) wenn ich nicht würdig bin, deine Braut zu sein, dann möchte ich heiraten, um deinen heiligen Willen zu erfüllen. Bitte, schenke mir viele Kinder und lass es geschehen, dass sich alle dir weihen.“11 Diese Absicht führte sie zur Ehe. Sie bat um Priester, Missionare, Heilige, die ihr Weihe im Orden ersetzten könnten. „Ich habe immer gewünscht, viele Kinder zu haben, um sie für den Himmel auszubilden.“12 Neunmal – in insgesamt neun Schwangerschaften – hütete sie diese Hoffnung. Bei allen fünf ihrer Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten, erfüllte sich dieser hartnäckige mütterliche Wunsch, jedoch erst nach ihrem Tod. Nur bei ihrer geliebten zweitgeborenen Tochter Paulina durfte sie noch sehen und die Zuneigung zum Ordensleben unterstützen.
Da die Verhältnisse der Familie Guérin bescheiden waren, war Zélie gezwungen, selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Sie betete, auf welchen Weg sie sich begeben sollte, um den Willen Gottes zu erfüllen. Am 8. Dezember 1851 erhielt sie den Impuls, das Alençon-Klöppelwerk auszuprobieren. Ihr ganzes Leben lang hielt sie diese Entscheidung für eine direkte Eingebung der Muttergottes. Sie begann eine Fachschule für Klöppelarbeiten zu besuchen und eröffnete 1853 in der Rue Saint-Blazey ihre eigene Werkstatt, in der sie ihre Arbeiterinnen ausbildete, Modelle zeichnete, Bestellungen annahm und mit den Kunden verhandelte. Aufgrund ihrer großen Geschicklichkeit und guten Geschmacks hatte sie viele Aufträge und verdiente schnell Geld.
In dem Klöppelunterricht war auch die Mutter von Ludwik Martin. Sie traf dort Zélie Guérin, lernte sie näher kennen und schätzte sie. Ihr Sohn bereitete ihr große Sorgen, es schmerzte sie, dass er so einsam war. So trafen sich eines Tages – zufällig? – Ludwik und Zélie und erkannten, dass sie zusammengehörten. Die Hochzeit feierten sie bereits drei Monate nach ihrem Kennenlernen, am 13. Juli 1858 um Mitternacht in der Kirche der heiligen Jungfrau in Alençon.13 Anwesend waren nur die nächsten Verwandten. Das Brautpaar zog in das Haus von Herrn Martin in der Rue Pont-Neuf. Dank ihres Arbeitseinsatzes hatten sie von Anfang an als Ehepaar keinen Mangel. Als sie heirateten, betrug ihr Vermögen zusammen 34.000 Francs,14 sie besaßen zwei Häuser und den Pavilion.
Ihr Wesen
Zélie Martin war in vielen Aspekten die stärkere und führende Hälfte ihrer Ehe. „Unsere Mutter hatte einen außerordentlich energischen Charakter und war so fest im Selbstverzicht, dass sie völlig vergaß, an sich selbst zu denken. Sie arbeitete mit großer Tapferkeit, um uns eine sorgfältige Erziehung zu geben.“15 Ähnlich charakterisierte sie Schwester Dosita in einem Brief an ihren Bruder in Lisieux: „Was mich erfreut, ist der Geist des Glaubens dieser Frau und ihr fast unglaublicher und wunderbarer Mut. Wie stark ist diese Frau! Unglück kann sie nicht vernichten und Glück macht sie nicht stolz. Es ist eine bewundernswerte Frau!“16
Zélie war eine dynamische, unternehmerische Frau, sehr realistisch, mit einem Sinn für Details. Ihre Überlegenheit in praktischen Angelegenheiten war so groß, dass sie das Geschäft auch bei einer großen Familie, neun Schwangerschaften, zahlreichen Krankheiten der Kinder und all den Sorgen und Pflichten einer Haushälterin führte. Das gibt uns ein Bild von einem sehr fleißigen und leistungsfähigen Menschen. Ihr Arbeitstag hatte fast 18 Stunden. Dennoch verlor für sie alles Irdische allmählich an Wert und Anziehungskraft, geblieben war ihr nur die Liebe zur Familie. Sie wurde jedoch deshalb nicht apathisch, sondern blieb immer gut gelaunt und freundlich. Sie hatte große soziale Qualitäten, war intelligent und konnte sich sehr gut einfühlen. Zélie verband das Leben einer mustergültigen Ehefrau und Mutter und zugleich das einer erfolgreichen, unermüdlichen Geschäftsfrau in gewisser Weise mit dem Leben einer Nonne, und zwar in bemerkenswerter und beeindruckender Harmonie.
Sie war eine große Korrespondentin. Wir wissen nicht, wann sie sich Zeit fürs Schreiben nahm, aber aus den Jahren 1863–1877 sind uns über 200 ihrer Briefe erhalten geblieben. Sie zeigen ihr großes literarisches Talent. Die Briefe mildern den starken Eindruck bis zur Angst, den ihr Können und ihre Energie bei uns hinterlassen könnten. In ihnen spricht eine fröhliche und aufrichtige, praktische Frau, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden steht, fernab von Frömmelei. Sie strahlt tiefen Glauben, Witz und Beobachtungsgabe aus. Sie zeigt sich als glückliche Mutter, die sich auch bei all den Sorgen und Pflichten den Kindern widmet.
Es sind uns Briefe an ihren Bruder Isidor erhalten geblieben; hingegen sind die Briefe an ihre Schwester, die ihr Vertraute war, leider größtenteils verloren gegangen. In einem Brief an ihren Bruder schrieb sie: „Jetzt habe ich dir alles gesagt, was ich dir mitteilen wollte. Wenn du aber den Brief sehen würdest, den ich gerade an meine Schwester in Le Mans geschrieben habe, würdest du eifersüchtig sein: er hatte fünf Seiten! Aber ich werde ihr Dinge sagen, die ich dir nicht sagen kann. Wir beide reden in unseren Briefen von der geheimnisvollen himmlischen Welt, aber mit dir muss ich nur über die irdische Welt schreiben.“17 Auch ihre Briefe an ihren Bruder geben uns einen tiefen Einblick in Zélies Seele. Und ihr poetischer Stil hilft uns zudem, das Umfeld der Familie Martin und Theresias Kindheit gut kennenzulernen.