Über innere und äußere Zelle

Aus der Erklärung der karmelitanischen Regel von Bl. Johannes Soreth

Weiter in der Regel steht: „Je nach der Verfügung des Ortes, an dem ihr beschließt zu verweilen, soll jeder von euch eine separate Zelle haben.“1 Der Ordensmann ist ein Sohn der Gnade und die Frucht des Leibes der Zelle. Die Zelle trägt (mütterlich) ihn, nährt ihn, umarmt ihn und führt ihn zur Vollkommenheit und macht ihn würdig, mit Gott zu sprechen. Die Zelle ist „heiliges Land“2 und „heiliger Ort“,3 wo der Herr und sein Diener heimlich reden, wie ein Mensch mit seinem Freund redet. In ihr verbindet sich die gläubige Seele oft mit dem wahren Gott, so wie die Verlobte sich mit ihrem Bräutigam verbindet; hier vereint sich das Himmlische mit dem Irdischen, das Göttliche mit dem Menschlichen. Die Zelle des Dieners Gottes ist nämlich wie der heilige Tempel Gottes. Im Tempel und in der Zelle werden göttliche Dinge behandelt, jedoch in der Zelle häufiger: die Zelle ist die Werkstatt aller guten Werke4 und hilft zur ständigen Ausdauer. In ihr ist jeder, der richtig in Armut lebt, reich. Und jeder, der guten Willens ist, hat (hier) alles, was für ein gutes Leben nötig ist.

Um jedoch sicherer in der Zelle zu verweilen, sind dir drei Wächter bestimmt: Gott, das Gewissen und der geistliche Vater. Gott bist du mit Frömmigkeit verpflichtet – widme dich ganz ihm. Deinem Gewissen bist du mit Ehrfurcht verpflichtet – schäme dich, vor ihm zu sündigen. Und dem geistlichen Vater bist du mit der Gehorsam der Liebe verpflichtet – fliehe zu ihm in allem. Darüber hinaus, solange du klein bist, füge ich dir noch einen vierten Wächter hinzu; und solange du nicht lernst, mehr an die Gegenwart Gottes zu denken, werde ich dir einen Erzieher besorgen. Ich rate dir: Wähle selbst einen Menschen, dessen vorbildliches Leben dir so sehr ins Herz eingeprägt ist und dich mit solcher Ehrfurcht erfüllt hat, dass du, wann immer du an ihn denkst, dies in dir Ehrfurcht hervorruft und du dich so verhalten und denken wirst, als ob er anwesend wäre. Möge er durch das Entzünden der Liebe alles in dir wiederherstellen, was wiederhergestellt werden muss. So wird dein Leben in der Einsamkeit nicht darunter leiden, dass du von ihm getrennt bist. Alle deine Gedanken wirst du nehmen, als ob er sie beobachtete, und dies wird dich zur Besserung anregen, als ob er dich sähe und ermahne.

Zu einem solchen Leben in der Einsamkeit soll also jeder eine separate Zelle haben. Tatsächlich sagt die Regel (wörtlich): „Jeder einzelne (Bruder) soll separate Zellen haben.“ Deine erste Zelle soll die äußere sein und die zweite die innere. Die äußere ist das Haus, in dem deine Seele mit deinem Körper wohnt. Die innere Zelle ist in deinem Gewissen und muss von Gott bewohnt sein, dem Gott deines ganzen Inneren, mit deinem Geist. Die Türen der äußeren Klausur sind ein Zeichen der Türen der inneren Klausur. Wie die äußere Klausur die körperlichen Sinne daran hindert, nach draußen zu wandern, so sollen auch die inneren Sinne ständig im Inneren auf Gott ausgerichtet sein. Liebe daher deine innere Zelle, liebe auch die äußere Zelle und sorge für beide. Möge dich die äußere Zelle verbergen – nicht damit du heimlich und in größerer Geheimhaltung sündigen kannst, sondern damit du in größerer Sicherheit lebst – deshalb möge sie dich schützen. Du bist dir nämlich nicht bewusst, wie sehr du deiner Zelle verpflichtet bist. Es mag dir nicht klar sein, wie du in ihr nicht nur von deinen Laster geheilt wirst, sondern auch von Streitigkeiten mit anderen verschont bleibst. Und du bist dir auch nicht bewusst, welche Ehrfurcht du deinem Gewissen schuldet, bis du in ihm die Gnade und die Süße innerlicher Trostes erfährst. Schätze also beide Zellen angemessen, aber vor allem achte auf dich selbst: lerne, Herr über dich zu sein, dein Leben zu ordnen, dein Verhalten zu steuern, fordernd, aber auch kritisch zu dir selbst zu sein. Niemand liebt dich mehr als du selbst, niemand wird dich gerechter beurteilen. Jemand sagt dazu:

„Finde Gefallen in deiner Zelle
und geh nur ungern hinaus,
den ganzen Tag achte auf Stille,
stehe zu der bestimmten Zeit schnell auf:
bete, lies, tue Buße;
höre nicht auf zu prüfen.“

Darum sagt die Regel: „… Jeder soll eine separate Zelle haben, die ihm durch die persönliche Entscheidung des Abtes mit Zustimmung der anderen Brüder oder der vernünftigeren Teile zugewiesen wird.“