Acht-hundertjähriges Jubiläum der Verfassung der „Lebensregel“ (Text der karmelitanischen Ordensregel)

Liste der Generaloberen beider karmelitischer Ordensgemeinschaften (O.Carm. und OCD)
„Deshalb knie ich vor dem Vater,... und möge er euch aus seiner reichen göttlichen Herrlichkeit das geben, dass der innere Mensch durch seinen Geist mächtig in euch gestärkt wird.“ (Eph 3,14.16)

1. Einleitung

Vor zehn Jahren erinnerten wir mit unserem Brief alle Mitglieder der karmelitischen Familie an den 750. Jahrestag der endgültigen Genehmigung der karmelitischen Regel durch Papst Innocenz IV. Mit dieser Botschaft wenden wir uns erneut an alle Zweige unserer Familie, um den acht-hundertsten Jahrestag der Regeln für das Leben zu gedenken, die Albert, der Erzbischof von Jerusalem (1205–1214), an die Einsiedler übermittelte, die an der (Elias-)Quelle am Berg Karmel lebten. Wir wählten das Jahr 2007 als symbolisches Jahr der Überlieferung (traditio) dieser Regeln,1 aus denen schließlich durch einige Anpassungen die Regel entstand, zu der wir uns heute bekennen. Diese ursprüngliche Gruppe von Brüdern gab der reichen und fruchtbaren Geschichte Gestalt, die der Kirche viele Früchte gebracht hat.

2. Erinnert euch lebhaft an unsere Anfänge

Wir alle Karmeliten können sagen, dass wir unsere Wurzeln auf dem heiligen Berg finden. Und wir hören die Worte der heiligen Teresa von Jesus: Lasst uns lieber unseren Blick auf die heiligen Propheten lenken, aus denen unser Orden hervorgegangen ist. Wie viele haben bereits im Himmel unseren Habit getragen! Lassen wir uns vornehmen, dass wir auch mit Gottes Hilfe heilig werden!2

Liebe Brüder und Schwestern, wir möchten euch symbolisch an die Fuß des heiligen Berges rufen, zusammen mit einem Zeugenkreis, der in den vergangenen acht Jahrhunderten spirituelle Kraft aus den gleichen Quellen geschöpft hat, damit ihr den Bund der treuen Diene und vollkommene Gehorsam gegenüber Jesus Christus erneuert. Denn unsere Regel ist dauerhaft die Quelle neuen Lebens.

3. „In Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben...“ (Regel, Kap. 2)

Die Regeln für das Leben sind der Ausdruck der spirituellen Erfahrung der ersten Gruppe von Pilgern ins Heilige Land, die zu Einsiedlern an der Eliasquelle am Berg Karmel wurden. Diese Regeln legen großen Wert auf die Präsenz Jesu Christi und auf die lebendige Begegnung mit seiner Person. Derjenige, der an ihn glaubt, unterwirft sich ihm im Wege einer inneren und unwiderruflichen Freundschaft. Die charismatische Identität des Karmel entsteht aus dieser alltäglichen und ständig erneuerten lebensspendenden Verbindung.

Die Regeln fordern von Anfang an zu einem Leben im Gehorsam gegenüber Jesus Christus und alles, was folgt, entfaltet nur diesen Grundsatz, dass Christus das Zentrum der Regel und des gesamten karmelitischen Lebens ist. Wenn wir ihm zuhören, bieten wir freiwillig unsere eigene Freiheit und unser Leben dem einzigen Herrn und Erlöser an, der uns diese im Überfluss zurückgibt (vgl. Joh 10,10). Obsequium (Gehorsam) bedeutet gehorsames Zuhören, in Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben bedeutet, mit dem Mund und vor allem im täglichen Leben zu bezeugen, dass Jesus der Herr ist (vgl. Röm 10,9–18), im Bewusstsein, dass nur er uns befreien und mit sich erfüllen kann. Das Geheimnis Jesu offenbart Männern und Frauen aller Zeiten den tiefen Sinn ihrer eigenen Existenz.

Das Folgen der Berufung, mit der Jesus uns anspricht, führt uns zwangsläufig auf den Weg der Verwandlung in ihn, in eine neue Schöpfung, und ermöglicht es uns auch, (die gesamte) Schöpfung so zu sehen und zu lieben, wie Gott sie sieht und liebt. Dazu bedarf es zweifellos großer Courage und Durchhaltevermögen, denn dieser Weg kann oft kurvenreich und steil sein. In der Wanderung zum Berg der Herrlichkeit ermutigt uns – so das Zeugnis vieler Karmeliten – vor allem das Beispiel des Propheten Elias, der dem Herrn auch in der Wüste treu geblieben ist. Maria, unsere Mutter und Schwester im Glauben, die die Karmeliten stets innerlich begleitet hat, bleibt in jedem Moment bei uns und wacht über uns auf diesem Weg, der zu Christus – dem Herrn – führt.

4. „In der Mitte...“ (Regel, Kap. 14)

Die Regel sieht in der Mitte der Zellen eine Kapelle vor (Kap. 14): Alle werden jeden Morgen gerufen, um sich zu versammeln, um die Eucharistie zu feiern. Die Karmeliten verlassen ihre Zellen und versammeln sich im Zentrum der Einsiedlergemeinde. In diesem Bild können wir das Symbol des spirituellen Weges sehen. Als Mitglieder der Gemeinschaft treten die Brüder aus der Abgeschiedenheit ihrer Zelle heraus, um sich gemeinsam im Zentrum des Gemeinschaftshandels zu versammeln. Die Kapelle, die sich in der Mitte der Zellen befindet, zeigt, dass nur Christus der Herr das wahre Zentrum der Person und der Gemeinschaft ist. Dies erinnert an das Leben der ersten Christen (Apg 2,42; 4,32), das für immer zum Vorbild und zur Prophetie des geweihten Lebens geworden ist.

Diese tägliche Versammlung ist gewissermaßen der Aufruf, die Einsamkeit der Zelle und das Risiko, mit sich allein auszukommen, hinter sich zu lassen, um Gott im Herzen der Gemeinschaft zu begegnen. Raum und Zeit, die dem Suchen nach Gott in der Stille der Einsamkeit und Kontemplation in der Zelle gewidmet sind, dürfen die Karmeliten nicht von den Beziehungen zu anderen Menschen entfremden. Beide Realitäten sind authentisch. Jegliche spirituelle Erfahrung beweist sich daran, wie unsere Beziehung zu anderen aussieht.

In der Mitte des Schlosses im Inneren kommt die heilige Teresa von Jesus zu einer inneren Begegnung zwischen Gott und dem Menschen3 Das Ziel der inneren Pilgerreise ist, zu diesem Zentrum in sich selbst zu gelangen, wo Christus wohnt, und dabei die verschiedenen Schwierigkeiten und Versuchungen zu überwinden. Die Regel verwendet dazu das biblische Bild des Kampfes und der geistlichen Rüstung, die Reinheit, heilige Gedanken, Gerechtigkeit, Liebe zu Gott und den Nächsten, Glauben und Hoffnung auf den Erlöser, das Wort Gottes umfassen. Die Regel und die Bibel erinnern uns daran, dass dieser geistliche Kampf in uns selbst stattfindet. Durch Gebet, Stille, Arbeit und evangelischen Selbstverleugnung lernen wir die Bereiche unseres Lebens zu erkennen, in denen wir Heilung benötigen und uns dem Herrn anvertrauen müssen (Regel, Kap. 18, 19, 20, 21).

5. „Ihr sollt euch jeden Morgen versammeln, um die Eucharistie zu feiern“ (Regel, Kap. 14)

Der Tag des Einsiedlers beginnt mit der täglichen Feier der Eucharistie, des Gedächtnisses der paschalischen Feier des Herrn. Ein ähnlicher Befehl, sich zur Feier der Eucharistie zu versammeln, ist in den anderen Regeln für das Leben der Einsiedler nicht leicht zu finden. Die ersten Karmeliten jedoch weisen auf die Bedeutung dieses Geheimnisses für ihr Leben hin, und so wird es für die folgenden acht Jahrhunderte sein: Die Begegnung und Gemeinschaft mit Christus sind zentraler Moment des inneren Lebens.

Unter den vielen Beispielen, die wir kennen, können wir die heilige Teresa von Jesus anführen, die meinte, dass die Gründung des (Klosters) nicht vollendet sei, bis die erste Messe darin gefeiert wurde und die Heiligste Eucharistie im Tabernakel der Kapelle aufbewahrt wurde.

Fast alle Ekstasen der heiligen Maria Magdalena de’Pazzi fanden nach der Heiligen Kommunion statt, und der selige Titus Brandsma wurde im Konzentrationslager in Dachau durch die Eucharistie gestärkt, die er in einem Behälter für seine Brille aufbewahrte.

Die Eucharistie ist das Zentrum unseres Gebets, ist das Geheimnis Christi, der bis zum Kreuz ging, auferstand und mitten unter uns lebt. Die Eucharistie ist die Feier des eschatologischen Festes aller Völker und das göttliche Geschenk des Friedens, das mit allen geteilt werden soll.

6. Ständig Tag und Nacht meditieren (Regel, Kap. 10)

Die Regel fordert uns auf, uns mit Jesus Christus in seinem Wort zu treffen. Wir verweilen allein in der Zelle, um ihm zu ermöglichen, zu unserem Herzen zu sprechen (Nikolaus Gallus).

Die Betrachtung des Gesetzes des Herrn und das Wachen im Gebet sind zwei Aspekte der lectio divina: Meditation und Gebet füllen den Raum des gesamten Tages. Auf das Lesen der Schrift, das sowohl mit dem Mund als auch innerlich geschieht, folgt das „Durchdenken“ (ruminatio) und das Wiederholen, damit die Worte im Geist, im Herzen und im Munde verweilen (Regel, Kap. 19). Es ist jedoch der Geist, der die Kostbarkeit der geistlichen Realität hervorruft und das Geschenk der Kontemplation gewährt, bis wir zum Verweilen gelangen: wir verweilen im Wort, denn das Wort verweilt in uns. Wir leben in Christus, aber Christus wohnt durch den Glauben in uns (vgl. Regel, Kap. 10 und 19).4 Die Aufforderung, in der Zelle zu verweilen, betrifft zwar unmittelbar die physische Einsamkeit, bezieht sich jedoch in erster Linie auf die spirituelle Einsamkeit, denn in der Einsamkeit wohnt Christus, das Wort des Vaters. Das Leben des Karmeliten und der Karmelitin ist ein Leben in Christus (Regel, Kap. 18).

Persönliches und gemeinsames Gebet befähigt uns, auf die Stimme Gottes zu hören, das Antlitz Gottes im Antlitz der anderen zu entdecken. Die Einsamkeit in der Zelle und vor allem im innersten Wesen der Seele5 ist der Ort, an dem unser Herz mit dem Herzen und der Stimme Gottes in Einklang kommen kann.

7. Möge das Wort Gottes reichlich in euren Mündern und Herzen wohnen (Regel, Kap. 19)

Hier verweist die Regel auf die Worte der Schrift und damit im tieferen Sinne auf den heilsamen Willen des Herrn und vor allem auf das Geheimnis Christi, das einzige Wort, das vom Vater ausgesprochen wurde und im inneren Schweigen, der gedämpften Musik, der klingenden Einsamkeit empfangen wird.6 Das gegenwärtige Wort wird eine Ermutigung und Kraft für den Propheten Elia, der leidenschaftlich für Gott brennt und in ihm Depression und Verschlossenheit überwindet. So kann es ihm dienen, dem Volk zu helfen, treu zum Bund zu stehen und den Schwachen und Unterdrückten weiterhin zu dienen.

Der heilige Johannes vom Kreuz präzisiert: Ein Wort sprach der Vater, und das war sein Sohn, und das spricht er weiterhin im ewigen Schweigen, und in der Stille soll die Seele ihm lauschen.7 Als er uns seinen Sohn gab, der sein Wort ist, und er hat kein anderes, hat er uns alles einmal für alle Zeit in diesem einzigen Wort gesagt und hat nichts mehr zu sagen.8

Die Regel fordert von uns, Zuhörer des Wortes zu werden wie Maria, das Abbild unserer lectio divina und zuverlässige Lehrmeisterin: Maria hat alles in ihrem Herzen bewahrt und darüber nachgedacht (Lk 2,19). Sie hat sich vollkommen in den Dienst Jesu und in den Dienst des göttlichen Plans gegeben mit Worten, die (ihr ganzes) Leben ausdrücken: Siehe, ich bin die Magd des Herrn (Lk 1,38).

Dieses eine Wort spricht auch heute in den Tiefen unseres Gewissens und unserer Glaubensfähigkeit zu uns, spricht weiterhin zu uns durch die Tiefe der Ereignisse und menschlichen Schwierigkeiten.

8. In Stille und Hoffnung wird eure Kraft sein (Regel, Kap. 21)

Unser Lebensstil verbindet silentium (Schweigen, Stille) mit Hoffnung, denn dieses Wort kann auch Frieden, Ruhe, Stille bezeichnen – Haltungen, die auf einer vertraulichen Hingabe an Gott basieren und mit Hoffnung verbunden sind. Die karmelitische Regel sieht Einsamkeit vor (Kap. 5; 6; 10), fordert Schweigen und Frieden (Kap. 21), erzieht das Denken und die Einbildungskraft durch heilige „Gedanken“ und, können wir hinzufügen, heilige Bilder und Symbole (Kap. 19). All dies soll dem Menschen innere Kraft verleihen.

Mit Freude erleben wir in unserer Zeit Anzeichen des Interesses an diesen spirituellen Werten und eines breiten Bewusstseins für ihre Notwendigkeit. Und der Karmel, in der Kraft seiner uralten Tradition und seines Zeugnisses, kann diesem Bedürfnis begegnen und ihm helfen, Früchte zu tragen (und darin ein Zeichen christlicher Hoffnung zu offenbaren).

Es bedarf des Mutes, um die kreative Treue zum Charisma, das wir in uns tragen, zu bewahren, damit der Geist des Herrn weiterhin sein Werk in einer verletzten und kranken Welt verrichten kann.

Hoffnung ist die Kraft des Geistes, die sich an einzelne Personen und auch an wichtige Ereignisse der Geschichte wendet, Kraft und Inspiration verleiht und somit den verborgenen Plan Gottes mit der Menschheit erfüllt. Der Christ ist berufen zur Hoffnung für sich und für die Welt, tritt für Gerechtigkeit in der Wahrheit ein und lässt sich nicht von Ideologien, Propaganda oder einem Schwall leerer Worte überwältigen. Er bemüht sich, die gegenwärtige Realität durch die Augen Gottes wahrzunehmen. Das Hören auf das Wort Gottes verwandelt die Gedanken, hilft beim Unterscheiden und stärkt das persönliche Überzeugung. Der Christ ist auch in schweren Lebensmomenten Zeuge dafür, dass das letzte Wort in der Geschichte nicht der Tod, sondern die göttliche Gnade in der Fülle der Auferstandenen ist.

9. Auf den Wegen der Welt (Regel, Kap. 17)

Die Beziehung zu Jesus Christus prägt das geistliche Leben der geweihten Personen und aller Gläubigen tief. Deshalb wird die allgemeine Berufung zur Heiligkeit betont. Unsere karmelitische Erfahrung, die durch eine innere Beziehung zu Gott gekennzeichnet ist, drückt einerseits große Begeisterung für die Kirche und andererseits eine aufmerksame und großzügige Sorge um den Menschen (im Allgemeinen) aus. Unsere Heiligen übermitteln uns als Folge mystischer Erfahrungen diese doppelte Ausrichtung, die das Herz erweitert und zur Verkündigung des Wortes befähigt.

Teresa von Jesus ist stets bereit, ihr Leben für eine einzige Seele zu geben, ermutigt die Schwestern zu beten und bemüht sich, ihr Herz für das Wohl der Seelen zu gewinnen. Ihr Leben im Karmel ist ein Leben für die Kirche und für die gesamte Menschheit.9

Für Teresa vom Kind Jesus, die Lehrerin der Wissenschaft der Liebe und die Patronin der Missionen, stellt die Berufung zur Liebe im Herzen der Kirche – der Mutter einen der schockierendsten und entscheidenden Entdeckungen (auf ihrem Weg) zu ihrer Heiligkeit dar.

Die karmelitische Gebetspraxis hat apostolische Dimensionen. Dieses Gebet ist mitfühlend und drängt dazu, anderen, insbesondere den Kleinen und den Armen, das in der Beziehung zu Gott empfangene Reichtum zu schenken. Die Teilung der Gaben karmelitischer Spiritualität trägt dazu bei, eine Welt der Kinder Gottes aufzubauen. Der kontemplierte Gott ist derjenige, der den Schrei des Armen hört und sein Anwalt wird (Ex 2,23; 3,7; Ps 112[113],7–8). Die Welt benötigt heutzutage Hoffnung und Transformation, und wir können ihr helfen, diese Transformation in der Kraft des Geistes zu verwirklichen.

Der Papst erinnert uns daran, dass wir auch die Person, die uns unangenehm ist oder die wir sogar nicht kennen, in Gott und mit Gott lieben können. Das kann nur auf der Basis einer inneren Begegnung mit Gott geschehen, einer Begegnung, die zur Einheit des Willens wurde und bis zu dem punkt gelangte, dass sie sogar das Gefühl betrifft. Dann lerne ich, die Person des anderen nicht nur mit meinen Augen und durch meine Gefühle zu betrachten, sondern aus der Perspektive Jesu Christi.10

So wird die Leidenschaft für Christus unweigerlich auch zur Leidenschaft für den Menschen, denn Christus kam, um die gesamte verlorene Menschheit ohne Unterschiede in Kultur, Rasse oder Sprache zu retten. Der Geist Jesu, empfangen in kontemplativer Stille, schenkt die Freiheit des Geistes und fordert uns auf, unsere Sicherheiten zu verlassen und auf die Brüder und Schwestern zuzugehen, die Hoffnung brauchen.

10. Schaffe Platz in deinem Zelt (Jes 54,2).
Brüderliche Gemeinschaft (Regel, Kap. 4; 5; 7; 9; 12)

Die Regeln für das Leben sind adressiert: „B. und anderen Einsiedlern“ (Kap. 1). Jesus Christus ist der Grund, warum sie gemeinsam leben, und er ist auch der Grund für ihren freiwilligen Gehorsam gegenüber dem Bruder, den sie als Führer auf ihrem Lebensweg, den sie eingeschlagen haben, annehmen. Dies lenkt ihren Blick in die Zukunft, auch wenn sie in der Vergangenheit inspiriert sind: auf die Kirchenväter (sancti Patres; Kap. 1), die Jerusalemer Kirche, durch deren Patriarchen und durch sie auf alle Kirchen bis zu dem Tag, an dem der Herr wiederkommen wird.

Wir reisen nicht allein, sondern gemeinsam mit unseren Brüdern und Schwestern suchen wir das Antlitz des lebendigen Gottes. Dies sind große Heilige, die den Karmel und die Kirche erhellen, und alle, mit denen wir heute das Leben teilen und in deren Gemeinschaft wir Kraft und Freude (aus unserem) Charisma finden.

11. „Möge er mit dem Propheten seine Wege bewahren“ (Regel, Kap. 21)

Zusammen mit so vielen Zeugen der Vergangenheit, die uns inspirierten, erweckte der Geist in jüngerer Zeit unter dramatischen Umständen große Persönlichkeiten von Propheten – Märtyrern: darunter der selige Titus Brandsma im Bereich der Kommunikation von Freiheit und Wahrheit und im Widerstand gegen Rassismus; die heilige Edith Stein im Bemühen um (die Erhöhung) der Würde der Frau, auf der Suche nach Wahrheit durch die Kraft der Vernunft, im Hinweis auf Berührungspunkte zwischen Judentum und Christentum; und andere karmelitische Märtyrer, Missionare und Bekenner des Glaubens und der göttlichen Liebe. Sein kontemplativer Charakter führte den Karmel in bitteren Lebensumständen oft direkt an die Teilhabe am Schicksal der Mitmenschen. Im theologischen Schweigen nimmt der Karmel das Freude und Hoffnung, Traurigkeit und Angst (Gaudium et spes 1) von Männern und Frauen jeder Zeit an, um eine neue gerechtere Welt aufzubauen.

Schlussfolgerung

Der Karmel ist von der Schönheit und Herrlichkeit der Jungfrau Maria fasziniert, des Buches, das die Regel enthält, denn darin ist das Wort verzeichnet.11 Die Regel ist Jesus Christus, das Wort, das einzige Wort des Vaters; in Maria finden wir die vollkommenste Entäußerung dieses Wortes. Maria, die Jüngerin Christi, hilft, das göttliche Wort auch in uns zu inkarnieren. Auch die selige Elisabeth von der Dreifaltigkeit sehnte sich nach: wie eine Inkarnation des Wortes in ihrer Seele.12

Die Überzeugung, dass unsere Regel in Maria und ihrem Leben gelesen werden muss, reicht bis zu den ersten karmelitischen Schriften zurück. Der ehrwürdige P. Michael von Augustinus schreibt: Unsere Regel (also unsere Lebensweise) bildet zusammen mit Maria ein „Symbol“.13 Maria ist wie die zweite Seite des „Symbols“, das es ermöglicht, einander zu erkennen.14

Teresa von Lisieux, die das Herz des Evangeliums neu entdeckte, kam gleichzeitig zu der Erkenntnis, dass Maria eher Mutter als Königin ist, dass ihr Leben unserem Leben ähnlich ist, und deshalb zieht uns Maria „von uns weg“ zu Christus, zum Glauben und zum Dienst.15 Wenn wir auf achthundert Jahre karmelitischer Geschichte zurückblicken, drücken wir Gott unsere Dankbarkeit aus für alles, was durch seine Gnade für das Leben der Kirche getan wurde.

Wir loben den Herrn für alle Heiligen unserer Familie, sei es bekannt oder unbekannt.

Im Glauben an die Nähe unserer heiligen Väter lasst uns beten, dass wir mit Liebe und Leidenschaft für den Herrn erfüllt werden und dass unsere Regel weiterhin diejenigen inspiriert, die in der lebendigen karmelitischen Tradition gehorsam gegenüber Jesus Christus leben möchten.

Durch diesen acht-hundertsten Jahrestag ruft uns die Gnade Gottes zur freudigen Treue zur heutigen Kirche und Menschheit.

Joseph Chalmers, O.Carm.
Generaloberer
Luis Arósteguí Gamboa, OCD
Generaloberer

Aus dem Italienischen übersetzt von D. V.