P. Fernando Millán Romeral, O.Carm.

Die Figur von Etty Hillesum einzuordnen, ist schwierig. Jüdin, Schriftstellerin, Juristin, Absolventin der Psychologie und der klassischen Sprachen, Schreiberin des Jüdischen Rates in Amsterdam, eine Frau voller Vitalität und Freundschaft, mit vielen sozialen Beziehungen, eine Frau, die Gott suchte, eine Mystikerin im weiteren, aber dennoch authentischen Sinne des Wortes. Zunächst nach Westerbork deportiert und später nach Auschwitz, wo sie im November 1943 stirbt. Wer immer mit reinem Herzen in ihr Tagebuch liest, findet in dieser Frau, trotz der Komplexität ihres Lebens und der Vielzahl ihrer Lebensumbrüche, eine wahre Lehrerin des Gebets.
Es ist schwierig, die spirituelle Erfahrung Ettys systematisch zu beschreiben, ihr Suchen nach Gott in den letzten Lebensjahren, die durch die Nazi-Macht vorzeitig unterbrochen wurden. Es gibt (uns entgegen) die verschiedensten Hindernisse: ihr Tagebuch ist nicht ins Spanische übersetzt,1 aber paradoxerweise sind die wichtigsten Kommentare und Analysen ihres Werkes (Evelyne Frank, Sylvie Germain, Paul Lebeau, Wanda Tommasi) übersetzt worden; es handelt sich (darum) um eine persönliche, sehr subjektive und starke Erfahrung, manchmal voller Widersprüche, verfasst unter sehr spezifischen Umständen – zur Zeit der systematischen Deportation holländischer Juden. Oftmals wird gesagt, dass ihre spirituelle Erfahrung ein Prozess, ein Weg ist; dieser Weg war jedoch weder glatt, homogen noch geradlinig. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Figur von Etty Hilesum verzerrt wird, wenn eine Studie über diese ihre Erfahrung zu systematisch, klar und kohärent aussieht. Hauptwerk von Etty ist Tagebuch (in dem sie allmählich „diskutiert“ mit jemand anderem als zu Beginn, nämlich sie spricht immer mehr mit Gott), wobei die einzelnen Zeitperioden nicht der Reihe nach (irgendwie) geordnet sind, es gibt keinen klaren und eindeutigen Weg, sondern ein buntes Gemisch an Erfahrungen, Vorwärtsschritten und Rückschlägen, Sicherheiten und Zweifel – und auch von Freiheit und Gnade. Es handelt sich zudem um ein Tagebuch, das unvollständig ist, weil uns die letzten Seiten, die siebte Kammer, fehlen.2 Aus diesen Gründen sind viele verschiedene Interpretationen (innerer Entwicklungen Etty) möglich, von denen fast alle wahr sind, aber keine ist die einzig gültige und umfassende Darstellung ihrer Erfahrung.
Das Leben von Etty Hillesum entspricht nicht den traditionellen biografischen Formen, aus vielen Gründen ist es „seltsam“: Sie war Holländerin jüdischer Abstammung, ihre Mutter stammte aus russischen Juden;3 sie führte ein ungewöhnliches Familienleben und pflegte emotionale Beziehungen zu Männern, die viel älter waren als sie selbst; oft las sie das Neue Testament auf Anregung einer besonderen Person, des Deutschen Julius Spier, der von seiner ersten Frau geschieden war und mit einer anderen verlobt war, die auf ihn in England wartete, halb Psychiater, halb Chiropraktiker (der sich mit der Deutung von Linien in den Händen beschäftigte); eine Frau, die sehr angespannte Beziehungen zu ihren Eltern (insbesondere zur Mutter) hatte, mit denen sie sich im Konzentrationslager Westerbork wiederfand, und zwar in einer Situation, die eher Spannung hervorrief; ein Mädchen, das den Mut hatte, Gott zu benennen, sich an ihn zu wenden und seinen Glauben an ihn und an das Geschenk des Lebens zu zeigen, während alles eher zu Niedergeschlagenheit, Zweifeln und absoluter Hoffnungslosigkeit anregte; eine Frau, die in sich die besten Züge des Judentums und des Christentums vereint, ohne sich zu einem von beiden zu bekennen (das Thema ihrer unbestimmten religiösen „Zugehörigkeit“ wird oft kontrovers diskutiert).
Wir jedoch wollen hier nicht das komplexe Leben Etty schildern, noch (ihr ganzes) spirituelles Leben beschreiben. Wir übersetzen nur einige Merkmale ihrer Erfahrung des Gebets, um uns zu helfen, uns zu erleuchten und um von Etty Hillesum das Beten zu lernen. Deshalb wählen wir aus und kommentieren kurz die folgenden fünf Erfahrungen, die wir in dem, was sie über sich selbst geschrieben hat, finden können. (Wobei das auch viele andere erwähnenswerte Aspekte beinhalten könnte.)
1. Das eigene Innere und Disziplin
Nachdem Etty Julius Spier kennengelernt hatte, war sie von der Persönlichkeit dieses Psychologen, Schülers von C. G. Jung, begeistert und fühlte sich ihm tief angezogen. Ihre Beziehung war für sie, trotz ihrer Unklarheiten, Exzesse, Eifersucht und Zeiten, in denen sie miteinander nicht sprachen, sehr bereichernd. Spier regte sie dazu an, ihr eigenes Inneres zu entdecken, zu versuchen, das oberflächliche und leichtfertige Leben zu überwinden und in sich eine reiche innere Welt zu entdecken, als Begegnung mit Gott. Etty nahm diese Aufgabe an und beschloss mit unnachgiebigem Willen zu meditieren, in ihrem Inneren Stille zu schaffen, sich selbst zu entdecken. Jeden Morgen widmete sie sich zusammen mit den Morgenübungen eine halbe Stunde der Meditation, in der sie versuchte „ihrem Inneren zuzuhören“. Das, was zunächst wie eine einfache Entspannungsübung oder psychologische Technik erscheinen konnte, verwandelte sich allmählich in ein echtes Gebet, in eine Begegnung mit Gott, der sich innerlicher befindet als mein Inneres – intimior intimo meo (Etty kannte Augustins Bekenntnisse, wahrscheinlich ebenfalls durch Spiers Einfluss).
Ursprünglich meditierte sie morgens (im Gegensatz zu Spier, der abends meditierte, was sie bevorzugte) und in vollkommenem Alleinsein. Oftmals zog sie sich dafür ins Badezimmer zurück, wo sie vollständige Privatsphäre und Einsamkeit suchte. Allmählich fand dieses fruchtbare Alleinsein, dieses Treffen mit ihrem tiefsten Inneren, an den verschiedensten Orten, in vielfältigen Momenten und Umständen statt, sodass Etty, um es mit den geliebten Worten von Katharina von Siena auszudrücken, sich „eine innere Zelle“ schafft, oder, in karmelitischer Sprache, sie wurde sich bewusst, dass sie in der Gegenwart Gottes lebt. Manchmal wird diese ununterbrochene Gegenwart Gottes durch das Bild des Himmels ausgedrückt, welches in Eddys Werk sehr häufig vorkommt (sowohl im physikalischen, astronomischen Sinne als auch im geistlichen Sinne). Der Himmel ist das Land, das über allen menschlichen Veränderungen steht, die Allgegenwart, die alle menschlichen Hindernisse überwindet und überschreitet, die Freiheit, die – durch ihre Größe – bewirkt, dass sie (die verschiedenen Formen) scheinbaren menschlichen Größe entblößt und entmystifiziert,4 die uns unterdrücken und versklaven. Diese Wirklichkeit wird schön durch das Bild des Soldaten mit Helm und Waffe an einem Wachturm verdeutlicht, dessen Silhouette sich gegen den (sich frei) verändernden Himmel abzeichnet...
Als Etty ihr eigenes Inneres entdeckte, begann sie, sich selbst wertzuschätzen, ahnte unvorstellbare Schätze in sich (wie E. Frank5 es gut beschrieb) und begann, sich selbst zu lieben, nicht narzisstisch oder egoistisch, sondern als ein Wesen, das Liebe braucht und fähig ist, zu lieben. Sie entdeckte dieses Geschenk (das sie von Spier oder durch Spier empfangen hatte), war sich jedoch gleichzeitig bewusst, dass sie selbst mit allen verfügbaren Mitteln dafür sorgen musste.
Obwohl ihre Texte manchmal so erscheinen mögen, ist dieses Innere, das Etty mit Freude entdeckte, nicht mit bloßem psychologischem Einblick, einem Zustand der Entspannung, Selbstbeherrschung oder psychoanalytisch gesagt, mit der Reinigung des psychologischen Mülles, den jeder in sich trägt, zu verwechseln. Eddys Innere ist all dies, aber gleichzeitig noch viel mehr: Es ist der Raum, in dem sie Gott trifft und wo er durch sie strahlt. Unter vielen anderen fassen diese ihre Worte es schön zusammen:
„In mir ist ein tiefer Brunnen. Darin ist Gott. Manchmal ist er erreichbar, aber oft wird der Brunnen von Steinen und Schutt zugeschüttet und dann ist Gott begraben. Man muss ihn wieder herausziehen...“ (26. August 1941) „Vielleicht können wir dir (Gott) helfen, dass du in den gequälten Herzen anderer Menschen von den Toten auferstehst...“ (12. Juli 1942)
2. Lernen, zu kontemplieren
Diejenigen, die die Figur von Etty Hilesum aus psychologischer Sicht betrachtet haben (ihr Tagebuch fordert dazu an vielen Stellen direkt auf), weisen in bestimmten Perioden ihres Lebens auf Bulimie sowohl körperlich als auch geistlich hin. Etty will sich alles, was sie umgibt, aneignen: Schönheit, Blumen, ihre Liebhaber, Dinge und Wesen. Dieses drängende Bedürfnis äußert sich manchmal als Hunger, manchmal in Form emotionaler und sexueller Beziehungen, manchmal als das Bedürfnis zu schreiben. All diese Begierden sind jedoch frustrierend für sie. Sie findet keinen Liebhaber, den sie vollends besitzen könnte, noch die Worte, mit denen sie die Wirklichkeit vollständig erfassen könnte, und auch der Anblick der Schönheit hinterlässt kein dauerhaftes Vergnügen. Auch ihre Schriftstellertätigkeit bringt ihr nicht immer Freude (wenigstens in manchen Phasen). Sie findet keine Worte, Ausdrücke, noch den passenden literarischen Stil. Sie kann sich nicht als professionelle Schriftstellerin durchsetzen. Deshalb stellt sich das Tagebuch für sie als ein ausgezeichnetes Medium dar, in dem sie sich äußern kann, ohne durch einen formellen Stil eingeschränkt zu werden. Das Hauptproblem lag jedoch darin, dass sie dem Schreiben mit der Besitznahme eines Menschen begegnete, der mit dem Schreiben versucht, sich die beschriebene Wirklichkeit anzueignen. Im März 1941 erwähnt sie:
„Normalerweise entwickelte sich dann das Bedürfnis zu schreiben, zu dichten, aber ich fand nicht die richtigen Worte und fühlte mich zu Tode unglücklich...“ (16. März 1941)
All dies ändert sich, wenn Etty der Realität auf eine neue Weise begegnet: Wenn sie beginnt, sie mit Dankbarkeit zu betrachten und sich nicht anzueignen noch zu beherrschen versucht. Dann fühlt sie sich frei, und aus der Schönheit, die sie umgibt, freut sie sich tatsächlich. Es ist wichtig zu erwähnen, dass es sich hierbei nicht nur um einen neuen ästhetischen Blick handelt, der feiner und durchdringender ist, um das gesteigerte Vermögen, Schönheit zu empfinden, sondern vielmehr um einen neuen Blick auf die Realität, in dem Gott eine zentrale Rolle spielt (hier taucht erneut ihr bevorzugtes Bild des Himmels auf). Anders gesagt, Etty entdeckt die Schönheit auf neue, freudige Weise, weil sie sie als Geschenk von jemandem sieht, der über uns steht, sie als Geschenk erkennt und nicht als etwas, was man sich egoistisch aneignen kann.
„Mit Freude nahm ich wahr, wie schön die Welt trotz allem Gottes ist“ (ebd.).
Und vielleicht führt gerade dieser neue Blick dazu, dass sie trotz vieler Schwierigkeiten (und sie hatte wirklich viele) erklärt, dass das Leben schön ist und es sich lohnt, zu leben. Diese Idee betont sie in ihren Briefen ebenso wie in ihrem Tagebuch immer wieder. Wie der Regisseur R. Benigni in seinem Film Das Leben ist schön zeigt, ist der Mensch in der Lage, unter den verzweifeltsten Lebensumständen, in denen er abgelehnt und vernichtet wird, das Unzerstörbare, Unbegrenzte und vielleicht Ewige zu finden.
Etty ist in der Lage, in Gedanken zu versinken, während sie eine Blume, einen Sonnenuntergang, eine Mutter betrachtet, die ihr Kind badet und Wäsche aufhängt. Auch wenn einige es so empfinden (und wahrscheinlich ihr das schon zu Lebzeiten vorwarfen), dass darin eine Gefahr des Entfliehens verborgen sein kann (was unter den damaligen Umständen durchaus verständlich wäre), geht es nicht um Flucht, wie wir später sehen werden, denn diese Kontemplation verringert nicht ihre Sensibilität und Fähigkeit, menschliche Probleme wahrzunehmen; vielmehr führt sie zu wahrhaftigerem und reinem Mitgefühl. Sie betrachtet alles mit neuen, reinen Augen. Wie Thérèse, die den Strand von Trouville betrachtet, oder Ignatius, der sich den Blumen zuwendet. Auch für Etty wird die Welt zu einer Botschaft. Sie hat nicht nur gelernt, Blumen zu pflücken, sondern ihr Lebensweg wird sie bald dazu führen, keine Angst vor Monstern zu haben und (auf welche Weise auch immer!) Mauern zu durchschreiten und (die trennenden) Grenzen zu überschreiten...
3. Begegnung mit der Schrift
Ettys Vater war Professor für klassische Sprachen, ein gebildeter Mensch, der sich auch in den härtesten Momenten im Konzentrationslager in ein Buch vertiefen konnte, ein Mensch, der die Schrift gut kannte. Er kannte vor allem das Alte Testament, aber als assimilierter, offener Jude las er auch christliche Schriften und hatte die gesamte Bibel zu Hause. Doch seiner Tochter vermittelte er nie die Liebe zur Schrift. Es war wieder Spier, ein wahrer Mystagoge, der Etty die Schrift näherbrachte. Sie entdeckte sie allmählich, aber immer tiefer. Allmählich machte sie sich mit den Texten vertraut, eignete sie sich an (sie schreibt von „ihren Psalmen“), sie begleiteten sie und erleuchteten sie, sie waren ihr Trost in harten Momenten und Ermutigung bei Zweifeln.
Ohne Bedenken können wir bei Etty von lectio divina (meditativem Lesen der Schrift), von echtem lectio continua (fortlaufendem Lesen), von ruminatio,6 sprechen, durch das sie sich nicht selten mit Worten der Schrift ausdrückt. Sie lässt sich von der Schrift erleuchten, schafft sich aber auch eigene Bilder, oft sehr gewagte, verbindet die Lehre der Schrift mit Dostojewski oder mit ihrem Lieblingsrilke, dessen Poesie sie immer auf dem Nachttisch oder auf Reisen dabei hatte. Manchmal drückt sie sich mit den Worten der Schrift unbewusst aus, wenn sie ein Ereignis beschreibt oder Trost in Worten sucht, die sie aus den Evangelien oder Psalmen entnimmt, ohne sich dessen bewusst zu sein. In einem Moment besonderer Angst, verursacht durch die Situation, in der sich ihre Eltern befanden, zitiert sie auswendig ein Wort aus der Schrift, das ihr Kraft verleiht: „Wenn ihr mich liebt, müsst ihr eure Eltern verlassen.“ Dieses Zitat steht so in der Bibel nicht eindeutig, und es scheint, dass Etty aus Lk 14,26 oder Lk 18,29–30 schöpft, obwohl ihr bevorzugter Evangelist nicht Lukas, sondern Matthäus war. Eddys Identifikation mit der Schrift kann in ihrem Ergebnis als besonders gewagt erscheinen. Ebenso, wenn sie (auf den letzten Seiten ihres Tagebuchs) über das Leiden und den Trost, den es anderen bietet, nachdenkt („Leide ich für die Ohnmächtigen, ist es nicht auch für das Ohnmächtige in mir?“), wagt sie es zu schreiben:
„Ich habe meinen Körper wie Brot gebrochen und zwischen den Männern verteilt. Und warum nicht? Sie waren doch so hungrig und haben so lange gelitten.“
Und vielleicht in dem Bewusstsein, wie weit die Bedeutung dieses Bildes reichen kann, ändert sie plötzlich den Stil: „Immer wieder kehre ich zu Rilke zurück...“ (13. Oktober 1942). Es ist schwer, nicht zu sehen, dass hier die Echo der biblischen Erzählungen über die Einsetzung der Eucharistie oder die Rede über das Lebensbrot aus dem 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums erklingt.
Die Schrift ist für Etty auf ihrem Weg der inneren Suche, ganz im Einklang mit der jüdischen Tradition, das Licht, das ihre Schritte leitet. Etty ist sich bewusst, dass sie sich selbst entdecken muss. Spier gab ihr dazu einige Ratschläge und Werkzeuge, und die Schrift ist ihr Licht, ja so sehr, dass in bestimmten dramatischen Momenten der physische Kontakt mit ihrer kleinen Bibel (über die wir viel nicht wissen) für sie wichtig ist. Wenn sie sie berührt, fühlt sie sich sicher. Die Bibel bringt ihr Frieden, Trost, Ruhe. Deshalb erwähnt sie in ihrem letzten Brief, der bereits im Zug bei der Deportation geschrieben wurde, ihre Bibel, die sie bei sich hat.
4. Das Mädchen, das lernen wollte zu knien
Der spanische Schriftsteller Valle-Inclán sagt in einem bekannten Interview von 1928, dass man die Realität auf drei Arten betrachten kann: im Knien (das ist die Sichtweise, die zu einer antiken Tragödie gehört), wenn die Figuren wie Helden erscheinen, oder von Angesicht zu Angesicht (Shakespeares Sichtweise), bei der sie wie unsere Brüder erscheinen, oder von oben (wie Quevedo es tat), und dann erscheinen sie wie Karikaturen. Etty hat diesen Prozess von hinten durchlaufen.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt (15.9.1941) kniet dieses liberale, unbeschwerte Mädchen, das (bis dahin) diese Geste nahezu ohne konkreten Grund abgelehnt hatte, nieder. Einige meinen, dass eine solche Ablehnung aus ihrer jüdischen Herkunft stammen könnte. Das scheint jedoch nicht wahrscheinlich, da Etty niemals etwas Christliches ablehnte, nur weil sie von jüdischer Abstammung war. Die, die ihre Tagebücher gelesen haben, wissen, dass so etwas nicht in Frage kommt. Es scheint auch nicht, dass sie diese Geste ablehnte, weil sie fremd für die jüdische Frömmigkeit war. Diese Geste ist im Judentum zwar nicht ganz gewöhnlich, aber doch nicht unbekannt. Nach bestimmten Traditionen fielen am Fest Jom Kipur alle auf die Knie, wenn der Hohepriester den Namen Gottes aussprach. Eddys Ablehnung dieser Geste ging – ganz im Einklang mit dem modernen Empfinden – vielmehr von einer bestimmten Vorstellung menschlicher Würde aus. Und diese Vorstellung hindert den Menschen, sich zu demütigen, ins Gesicht zu fallen, sich vor dem Geheimnis hinzugeben.
Etty hat gelernt, die Größe der anderen zu sehen, mitleidig und mit Zärtlichkeit auf sie zu blicken; sie hat gelernt, in der Haltung des Gebets und der Kontemplation vor dem Geheimnis und in der Haltung des Dienstes und völligen Hingabe (vor den anderen niederzuknien (vor den armen Frauen von Westerbork, vor kranken, schmutzigen und von Angst erfüllten Menschen, die bereit waren, in den Viehwaggon zur Deportation einzusteigen...)). Sie drückte sich selbst ironisch über das Mädchen, das nicht knien konnte (10. Oktober 1942) aus und hatte sogar vor, einen Roman mit diesem Titel zu schreiben. Wieder erinnert man sich an die Szene aus dem Film Das Leben ist schön, in der Guido sich fast bis zum Boden beugt, wenn er lernt, wichtige Persönlichkeiten zu bedienen. Sein Onkel tadelt ihn dafür und sagt ihm, er solle lernen, Dienst nicht mit Servilität zu verwechseln. Dienst ist die höchste Kunst, so würdevoll, dass sie uns Gott ähnlicher macht („Gott ist der erste Diener...“7). Guido verkörpert diese Wahrheit im gesamten zweiten Teil des Films. Das Knien vor dem Ohnmächtigen demütigt uns nicht, sondern gibt uns Würde und ähnelt uns Gott.
Deshalb ist für Etty das Knien ein Ausdruck von Glauben, Hoffnung und Anbetung, typischen Haltungen des Gebets, vielleicht nicht sehr häufig bei heutigen Gläubigen. (Ohne in liturgische Kontroversen einzutauchen,) können wir es mit den Worten eines ehemaligen Kardinals Ratzinger aus seinem Buch über die Liturgie ausdrücken:
„Vielleicht ist es wahr, dass dem modernen Kulturen das Knien fremd ist – sofern es sich überhaupt um Kulturen handelt, die sich vom Glauben entfernt haben und nicht mehr kennen, vor wem es richtig und innerlich notwendiges Gesten ist, zu knien. Wer lernt zu glauben, lernt auch zu knien...“8
Gleichzeitig fühlt Etty (und immer unter Berücksichtigung der hellen und dunklen Abschnitte ihres Weges) das Bedürfnis, von Gott auf eine Weise zu sprechen, in der Echos und gewagte Bilder aus der jüdischen Tradition mitschwingen. In der Zeit „der Finsternis Gottes“ (mit den Worten von Martin Buber), in der selbst die frommsten Seelen zum Himmel aufblicken und nach einer Erklärung verlangen, was menschlich verständlich ist, auch wenn es nicht lobenswert ist, legt Etty keine Theodizee (theoretische Rechtfertigung Gottes, der das Übel zulässt) vor. Etty versucht nicht, Gott zu rechtfertigen, sondern zu retten. Mit überraschendem Mut findet sie einen schwachen und zerbrechlichen Gott, einen Gott, den wir vielmehr beschützen und ihm helfen sollten, als uns an ihn zu wenden, um Schutz und Hilfe zu erbitten. Diese religiöse Erfahrung mag ungewöhnlich erscheinen und für manche schmallippige Gemüter sogar empörend, sie birgt jedoch ein tiefes jüdisches Erbe der Kabbala und des Chassidismus sowie auch das beste christliche Erbe – das Bild Gottes, der wehrlos in der Krippe geboren wurde und nackt und gescheitert am Kreuz stirbt.
Möglicherweise finden wir deshalb unter Eddys Gebeten nicht allzu viele Bitten. Was sie selbst betrifft, erscheint es ihr sogar „kindisch“ (für sich zu beten). Anderen frommen Lesern, die an diese Art des Betens gewöhnt sind, könnte je nach Etty dieser Standpunkt merkwürdig und überraschend vorkommen. Sie bittet um nichts, bietet nichts für ihre Erlösung oder die ihrer Nächsten an. Doch auch bei Etty finden wir eine schöne Ausnahme, als Mitleid sie zu diesem Weg des Gebets für jemand besonderen in Not führt („Herr, lass ihn nicht lange leiden“). Möglicherweise ist diese kleine Ausnahme das implizite Eingeständnis großer Seelen, dass das Geheimnis unsere Fähigkeiten, unsere gängigen Muster und unsere unerschütterlichen Vorstellungen übersteigt...
5. Ich möchte ein Balsam für so viele Wunden sein...
Fast alle, die über das Werk von Etty Hillesum schreiben, weisen darauf hin, dass wir in ihrer spirituellen Erfahrung in den letzten Lebensjahren, von der Begegnung mit Spier bis zur Deportation nach Auschwitz, von etwas sprechen können, was man als „zweite Umkehr“ bezeichnet, die ihr den Weg zu einer dritten Phase der Spiritualität (immer mit Blick auf die helleren und dunkleren Phasen ihres Lebens und die Exzesse, über die wir zu Beginn gesprochen haben) öffnete. In der ersten Phase lebte sie leichtfertig und oberflächlich, erlebte viele Leiden, unerfüllte Beziehungen und Sinnlosigkeit. Die Begegnung mit Spier (ihr „Geborenwerden“, wie sie es einmal nannte) führte sie allmählich zur Entdeckung ihres eigenen Inneren (und ihrer achtsamen Sorge um dieses). Die Schrift, die sie begleitete und die ihr immer näher, lebendiger und eigentlicher wurde, und eine andere Einstellung zu den Dingen (weniger besitzergreifend und mehr kontemplativ) machten sie zu einer reiferen, tieferen und geistlichen Persönlichkeit im schönsten Sinne dieses Wortes.
Etty macht jedoch einen weiteren Schritt, so dass all dies sie menschlicher, herzlicher, sensibler gegenüber den Bedürfnissen anderer und verständnisvoller für ihre Mängel macht. Es handelt sich fast um eine ethische Phase, oder – mit den Worten von J. G. Gaarland, dem Autor des Vorworts zur ersten Ausgabe von Tagebuch – um einen „absoluten Altruismus“ oder um ein Herz gemäß dem Evangelium. Um ein scheinbar unwichtiges Beispiel zu nennen: Als Spier einmal erwähnte, dass er einen „sehr schönen“ Brief von seiner Verlobten erhalten hatte, schreibt Etty (in einer Anwandlung unverhohlener Eifersucht) humorvoll, aber auch mit Tiefe:
„Wenn ich Christin wäre, wie sich das gehört, würde ich mich darüber freuen. Aber ich bin immer mehr eine Frau als eine Christin...“
In Westerbork lernt die neue Etty, auch ihren Eltern, mit denen sie (zuvor) nie ein gutes Verhältnis hatte, mit neuen Augen zu begegnen. Sie lobt ihre Ruhe, lobt ihre Hingabe und Fähigkeit, die gegebene Situation zu akzeptieren, und tut, was sie kann, um ihren Aufenthalt in Westerbork erträglicher zu gestalten. Sie empfindet endlose und ergreifende Zärtlichkeit für die Frauen, die versuchen, ihre Kinder zu verstecken, für die, die Tausende von Wegen suchen, um der Deportation zu entkommen, und sogar für die, die ihre Würde verloren haben und sich schändlich den Naziabsichten unterwerfen. Etty hat gelernt, mit Gottes Augen zu sehen. Sie hat zunächst gelernt, sich selbst zu lieben und dann andere zu lieben.
Dies kann überraschen oder enttäuschen diejenigen, die eine falsche Vorstellung von mystischem Leben, von Kontemplation oder vom geistlichen Weg haben – als etwas, das (den Menschen) von der irdischen Realität entfernt, trennt oder ihn ätherisch in eine Extase erhebt. So war es bei echten Mystikern nicht. Beispielhaft kann hier die siebte Kammer der heiligen Therese genannt werden, wo die Heilige beschreibt, dass die Seelen, die dorthin gelangen, unter anderem durch den Stil des Evangeliums gekennzeichnet sind; das bedeutet, zu dienen, zu lieben und den Feinden zu vergeben („... ohne jeglichen Groll gegen diejenigen, die ihnen Unrecht tun oder es ihnen antun möchten...“).9 In diesem Geist klingt auch der letzte, überraschende Satz von Eddys Tagebuch: „Ich möchte ein Balsam für so viele Wunden sein...“10 Alles gipfelt in der Liebe und im Verzeihen im reinsten Geist des Evangeliums, schlicht und rein.
Noch mehr lässt sich in einigen Andeutungen in ihren Briefen die Haltung des Opfers erahnen, was jedoch angesichts ihrer jüdischen Erziehung nichts Außergewöhnliches ist. Sie ist nicht so ausgeprägt wie bei Edith Stein (die mit ihr wahrscheinlich gleichzeitig in Westerbork war11), aber es scheint, dass auch Etty das Bedürfnis empfindet, sich zu opfern, sich ganz dem Geheimnis zu überlassen, sich buchstäblich darin aufzulösen. Wie der Regen der Rosen von Teresa von Lisieux, wie der feurige Wagen Elias oder wie die Asche in Auschwitz fühlt sich auch Etty berufen, sich im schönen Himmel aufzulösen, den sie so liebte und aus dem sie so viel Trost und Hoffnung empfangen hat. Sie fühlt sich berufen, gebrochen zu werden wie Brot und unter Hungernden verteilt zu werden...
* * *
Im Juli 1943 musste Etty in Westerbork, dem letzten Halt vor der endgültigen Deportation, bleiben. Kurz darauf wurden auch ihre Eltern und ihr Bruder Mischa dorthin gebracht. Nach einigen aufregenden Monaten, voller Hoffnung und Angst und misslungener Rettungsversuche, wurden am 7. September 1943 alle vier nach Auschwitz geschickt, die Eltern starben jedoch auf dem Weg.12 Aus dem Zug warf Etty einen Brief heraus, den ein unbekannter Passant fand und zur Post brachte. Diese Nachricht war das letzte Lebenszeichen, ihr Abschied.
Christine van Nooten.
In Glimmen, Dienstag, 7. September 1943
Christien, ich öffne die Bibel an willkürlicher Stelle und finde: „Der Herr ist meine Zuflucht und meine Burg“ (Ps 18,3). Ich sitze inmitten eines voll besetzten Güterwagens auf meinem Rucksack. Papa, Mama und Mischa sind einige Waggons weiter. Die Abreise kam doch recht unerwartet. Plötzlich der Befehl speziell für uns aus Den Haag. Wir verließen das Lager singend, Vater und Mutter sehr mutig und ruhig. Mischa auch. Wir werden drei Tage fahren. Danke für eure Fürsorge. Freunde, die geblieben sind, werden noch nach Amsterdam schreiben, vielleicht bringt euch jemand etwas mit. Auch aus meinem letzten langen Brief...
Auf Wiedersehen von uns vieren Etty
Im Zug waren 987 Menschen, darunter 170 Kinder. Einige Männer wurden zum Arbeiten beim Abtragen der Trümmer des traurig berühmten Warschauer Ghettos eingesetzt. Überlebt haben 8 Leute. Laut den offiziellen Aufzeichnungen des Roten Kreuzes starb Etty am 30. September 1943. Sie war 29 Jahre alt. In so kurzen, dramatisch unterbrochenen Leben wurde sie vermutlich bewusst (was sie erneut mit Teresa von Lisieux verbindet13) zur Lehrerin des Gebets, des geistlichen Lebens, einer Mystagogin. Sie lehrt uns, dass es notwendig ist, in die Tiefe des eigenen Inneren zu gehen und sich darum zu kümmern (was in der heutigen Zeit der Oberflächlichkeit und Unmittelbarkeit besonders wichtig ist), sich von der Schrift erleuchten zu lassen, Vorurteile zu überwinden und vor dem Leben, vor dem Geheimnis, vor Gott niederzuknien... in der Haltung der Kontemplation und des Dienstes (soweit es überhaupt möglich ist, die beiden Haltungen voneinander zu trennen). Sie lehrt uns, auf den Sieg des Guten zu hoffen und dafür zu kämpfen, ohne der feinen Versuchung des Bösen zu erliegen:
„... jeder weiteren Schande und jedem Schrecken müssen wir das Stück Liebe und Güte entgegensetzen, das wir haben (...). Wir können leiden, aber wir dürfen nicht darauf verzichten. Und wenn wir diese Zeit mit gesundem Körper, sowohl am Leib als auch an der Seele, aber vor allem an der Seele, ohne Verbitterung und ohne Hass überstehen, dann haben wir auch das Recht, nach dem Krieg ein mahnendes Wort zu erheben...“14
Lange überlegte ich, welches Gebet ich am Ende auswählen sollte, um alles, was gesagt wurde, zusammenzufassen und abzuschließen. Es gibt Tausende von Möglichkeiten, alle schön. Ich wähle dieses, das in einem Brief aus Westerbork kurz vor der Deportation geschrieben wurde:
Tideke,
(...) Heute Nachmittag habe ich auf der Pritsche geruht und plötzlich musste ich Folgendes in mein Tagebuch schreiben, ich sende es dir:
„So sehr hast du mich bereichert, mein Gott, lass mich, dass ich aus diesem Reichtum mit vollen Händen auch verteilen kann. Mein Leben ist zu einem ununterbrochenen Gespräch mit dir geworden, einem großen Gespräch. Wenn ich irgendwo in der Ecke des Lagers mit meinen Füßen auf deinem Boden stehe und meinem Gesicht deinem Himmel zuwende, beginnen manchmal Tränen des inneren Erschütterns und Dankbarkeit über mein Gesicht zu fließen, die einen Weg nach außen suchen. Auch abends, wenn ich in meinem Bett liege und in dir ruhen, mein Gott, fließen mir manchmal Tränen der Dankbarkeit, und das ist mein Gebet.“ (18. August 1943)15
Aus dem Spanischen übersetzt von Jája Vanišová.