Leben in der Gegenwart Gottes

Das vielleicht grundlegendste Zeichen unserer Zeit ist der Verlust Gottes. Von ihm gehen alle anderen heutigen Phänomene aus. Bereits Papst Paul VI. sprach von dem aktuellen Versuch, eine Zivilisation und Kultur ohne Gott zu schaffen. Es entstand das Sprichwort, dass Gott tot ist. Ungläubige, theoretische und praktische Materialisten leugnen die Existenz Gottes. Die Gläubigen anerkennen sie, haben aber das Gefühl, dass Gott hier nicht präsent ist oder nicht wirkt, als ob er diese Welt verlassen hätte, dass man ohne Gott leben kann.

Selbst darin müssen wir die göttliche Vorsehung erkennen. Gott möchte die Menschen dadurch zu einem immer vollkommenen, reineren Glauben führen, bis zu dem, was der heilige Johannes vom Kreuz „nackten“ Glauben nennt, der auf nichts angewiesen ist, sich auf nichts stützen kann, nur auf Gott. Früher sagte man, man müsse Hoffnung gegen Hoffnung haben, wenn alles dagegen spricht. Heute muss man sagen, dass man „Glauben gegen Glauben“ haben muss, wenn alles gegen den Glauben spricht. So war der Glaube der Jungfrau Maria, die am Kreuz Jesu stand.

Was sagt uns der Glaube? Am Anfang der heiligen Schrift steht: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Schaffen bedeutet, aus dem Nichts zum Sein zu bringen. Das bedeutet jedoch, dass Gott in der Welt ständig präsent sein muss, damit die Welt fortbestehen kann. Wenn ein Tischler aus Holz einen Tisch macht, kann er gehen und der Tisch bleibt hier. Wenn Gott die Welt verlassen würde, würde die Welt ins Nichts zurückkehren. Daraus folgt, dass Gott jeden Augenblick die Welt neu erschafft, dass er in jedem Wesen und in jedem Akt ist. Gott ist der Hauptakteur, wir wirken nur mit ihm zusammen. „Gott ist alles in allem“ (1 Kor 15,28).

Auf diese Weise ist Gott in jedem Geschöpf gegenwärtig. Es ist die natürliche göttliche Präsenz, die aus der Schöpfung hervorgeht. Aber die heilige Schrift offenbart uns noch eine andere, übernatürliche göttliche Präsenz, die unermesslich höher ist, die Gott uns aus Liebe, aus Gnade mitteilt. In ihr gibt uns Gott Anteil an seiner göttlichen Natur (2 Petr 1,4), an seinem eigenen Leben. Wir erhalten das Leben von Gott, sind deshalb Gottes Kinder und Gott ist unser Vater. Wir werden aus Gott geboren (Joh 1,13). Es ist eine Wiedergeburt, die zweite Geburt aus dem Heiligen Geist (Joh 3,3). Seit dem Moment der Taufe wohnen in uns drei göttliche Personen (Joh 14,23), (24 Stunden am Tag, wie die bekannte Mutter Teresa sagt), solange der Mensch sich nicht durch eine schwere Sünde von Gott abkehrt, dieses Leben – das der Herr Jesus „ewiges Leben“ nennt – in sich nicht tötet und diese heiligmachende Gnade nicht verliert. Das Leben ist das erste göttliche Geschenk. Natürliches Leben, aber besonders das übernatürliche. Das erste haben die Menschen für sich und die ganze Menschheit verloren. Durch die Sünde haben sie es verloren, der Herr Jesus hat es uns jedoch durch seinen Tod zurückgewonnen und gibt es uns durch den Heiligen Geist (Apg 2,38).

Auch er selbst hatte als Mensch in sich dieses doppelte Leben, das natürliche und das übernatürliche, diese doppelte göttliche Präsenz. Als er als Sohn Gottes die menschliche Natur annahm, nahm er nicht nur einen menschlichen Körper und die Seele an, sondern auch die Gnade. Er hatte die göttliche Gnade wie wir, nur mit dem Unterschied, dass in ihm die absolute Fülle der Gnade war und es keinen Widerspruch zwischen Gnade und Natur gab, wie es bei uns der Fall ist. Und er gab uns ein Beispiel, wie wir mit Gott leben sollen:

„Von mir selbst aus tue ich nichts, sondern ich rede, wie mich der Vater gelehrt hat. Der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, denn ich tue stets, was ihm gefällt“ (Joh 8,28–29).

Wenn wir in Gnade sind, lebt die ganze Allerheiligste Dreifaltigkeit in uns. Drei göttliche Personen leben in uns mit ihrem eigenen Leben, das sie untereinander haben. Aber sie wirken auch uns gegenüber, jede auf ihre Weise. Gott wirkt ständig in uns, liebt uns und ist mit uns verbunden.

Gott zwingt jedoch niemanden. Er gibt uns still seine Eingebungen. Es liegt an uns, ob wir unserer eigenen verdorbenen Natur folgen oder der Bewegung der Gnade. In uns kämpfen ständig Gnade und Natur gegeneinander.

Im kirchlichen offiziellen Gebet gibt es eine schöne Bitte an Gott, uns mit seiner Gnade zu begleiten: „Allmächtiger Gott, erleuchte uns mit deinem Eingebung und begleite unser Handeln mit deiner Hilfe, damit wir alles von Anfang bis Ende in Verbindung mit dir tun. Durch deinen Sohn...“ (Morgengebet am Montag, 1. Woche).

Aber wie lernen wir, in der Gegenwart Gottes zu leben? Dazu haben verschiedene spirituelle Schulen unterschiedliche „Übungen der Gegenwart Gottes“ erfunden. Der Karmel sieht in einem solchen Leben mit Gott sein ureigenstes Ziel. Wenn Gott in uns wohnt, an uns denkt und uns liebt, ist es eine Pflicht der Liebe, dass auch wir an ihn denken und ihn lieben, damit es eine wechselseitige liebevolle Verbindung gibt. Mit anderen Worten, dass wir diese dauerhafte (habituelle) Verbindung, die besteht, auch wenn wir nicht an ihn denken, in eine bewusste, (aktuelle), vertraute Verbindung verwandeln.

So lebte der Herr Jesus, das Wichtigste in seinem Leben war seine Beziehung zum Vater, wie wir gehört haben. So lebte auch die Jungfrau Maria, der wir geweiht sind. Ihr Unbeflecktes Herz war die würdige Behausung des Heiligen Geistes, sie tat alles aus ihm, war in ständigem Kontakt mit ihm. Dies sagt von sich der Prophet Elia, auf den sich der Karmeliterorden beruft: „So wahr der Herr lebt, der Gott der Heerscharen, vor dessen Angesicht ich stehe.“ Die Statuten des Ordens besagen, dass es sein kostbares Erbe für uns ist.

Sel. Elisabeth vom Heiligsten Dreifaltigkeit drückt dies in ihrem Gebet aus: „Mein Gott, Allerheiligste Dreifaltigkeit, dir verehre ich. Hilf mir, dass ich ganz vergesse, mich, dass ich in dir wohne... Beruhige meine Seele, mache sie zu deinem Himmel, deiner lieben Behausung, dem Ort deiner Ruhe. Lass es geschehen, dass ich dich in ihr niemals allein lasse, dass ich ganz dort bin, wache im Glauben, eingetaucht in Anbetung, voll und ganz deiner schöpferischen Tätigkeit überlassen.“

Dieser vertrauliche Umgang mit Gott beginnt im Gebet. Schließlich ist das Gebet nichts anderes als der Umgang mit Gott. Es geht von vielen Überlegungen (Meditation) zu einem immer einfacheren, klaren Blick auf ihn, zu einem liebevollen Verweilen bei ihm (Schau, Kontemplation). Das kann ruhig und angenehm sein, auch inmitten von Leiden und Prüfungen. Das Gebet ist der Atem (aspiratio) der Seele (Bruder Johannes vom heiligen Samson).

Das nahe Verhältnis zu Gott tritt dann durch das Gebet in unser Handeln, in unser ganzes Leben und in die einfachsten Dinge ein. Der Mensch sieht immer mehr in den täglichen Pflichten den Willen Gottes und erfüllt sie aus Liebe zu ihm. Er erkennt Gott in allem anderen, in allem Weltgeschehen, bis Gott für ihn „alles in allem“ wird. Sein Leben wird zunehmend von göttlichen Tugenden, Glauben, Hoffnung und Liebe geleitet, die ihn mit Gott verbinden. Mit dem Licht des Glaubens erkennt er überall Gott. „Der Gerechte lebt aus Glauben“ (Röm 1,17). In der Hoffnung erlangt er festes Vertrauen zu Gott. In der Liebe gibt er sich ganz ihm hin. Die heilige Theresia vom Kind Jesus sagt schließlich: „Mein einziges Geschäft ist nur die Liebe.“

Nach Bruder Johannes vom heiligen Samson soll bei allem, was wir tun, die Neigung (Affekt) unseres Herzens zu Gott gerichtet sein. Ständig nachzudenken ist nicht möglich, aber ständig zu lieben kann sogar ein kleines Kind. Der Verliebte muss sich sogar gewaltsam ablenken, um sich von der Erinnerung an die geliebte Person zu lösen (ähnlich wie der Hassende von der gehassten Person). Mit der Liebe zu Gott ist es wie mit der Liebe zwischen Menschen. Verlobte und frisch Verheiratete gestehen sich immer wieder ihre Liebe, später aber wird die Liebe in ihr ganzes Leben übergehen. Diese Verbindung in der Liebe zu Gott ist das Gebet. So ist die ständige Gebet, die der Herr Jesus fordert (Lk 18,1), möglich. Der selige Titus Brandsma sagt: „Das Gebet ist das Leben, nicht eine Oase im Leben.“

In dieser Konzentration auf Gott haben unsere Heiligen die höchsten Gipfel erreicht. Die heilige Theresia vom Kind Jesus erzählte ihrer Schwester Maria, dass niemals drei Minuten vergangen sind, ohne dass sie an Gott gedacht hätte. Der heilige Johannes vom Kreuz schreibt: „Strebe stets danach, in der Gegenwart Gottes zu verweilen... Lass dein Herz niemals umherirren, selbst wenn es nur für die Dauer eines ‚Ich glaube‘ ist.“ Die heilige Maria Magdalena de'Pazzi forderte ihre Mitschwestern auf: „Lass keinen Augenblick vergehen, ohne zu wissen, wo dein Herz ist.“

Die heilige Schrift sagt: „Vae soli – Wehe dem Einsamen“ (Pred 4,10). Bei diesen Worten denken wir gewöhnlich nur daran, dass wir den Kontakt zu den Nächsten pflegen sollten. Sicher, aber an erster Stelle zu Gott. Nur in sich selbst, isoliert, von Gott und von allem abgetrennt zu sein, bedeutet die Hölle. Gott hat uns nach seinem Bild geschaffen. Wie drei göttliche Personen nicht jede für sich leben können, sondern im gegenseitigen Verhältnis der Liebe leben („Gott ist Liebe“ 1 Joh 4,8), so muss auch der Mensch Beziehungen der Liebe haben. Nach dem Geschenk und dem Maß der Gnade. Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit oder zu den einzelnen Personen, zum Vater, Sohn oder Heiligen Geist, zu unserem Herrn Jesus Christus.

In dieser ständigen, aktuellen, vertrauten Verbindung können wir auch mit der Mater Dei, der Jungfrau Maria, leben und durch sie mit Gott. Es ist der Wille Gottes. Der Herr Jesus hat sie auf dem Kreuz als unsere Mutter im Moment unserer Erlösung eingesetzt. Wie der Mensch im natürlichen Ordnung vom Vater durch die Mutter das Leben empfängt, so empfängt er in der übernatürlichen Ordnung das Leben von Gott durch Maria. Sie ist die Vermittlerin aller göttlichen Gnaden. Wir können uns ihr mit allem anvertrauen und ständig in ihrer Gegenwart sein, alles bewusst mit ihr zusammen tun.

Wenn wir wirklich mit Gott verbunden sind, sind wir in ihm auch mit seiner Schöpfung verbunden. Alles wird uns plötzlich lebendig. „In Gott lebt alles“, beten wir im Offizium für die Verstorbenen. In Gott ist alles Leben, ohne Gott ist alles tot. Gott ist Licht, ohne Gott ist Dunkelheit. Ohne Gott geht man in der Dunkelheit (Joh 3,19; 8,12; 12,35–46). Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. In ihm sehen wir die ganze Wahrheit, die ganze Realität.

Im Leben in der Gegenwart Gottes sieht unser Statut die Aufgabe des Karmel. „Wir wollen in dieser Welt die Gegenwart des wahren und lebendigen Gottes suchen und leben, der in Christus zu uns gesprochen hat“ (Nr. 13). „Als Karmeliten haben wir uns von Anfang an und immer wieder das Vorsatz gemacht, den Menschen die Notwendigkeit eines Lebens in der Gegenwart Gottes zu zeigen“ (Nr. 83).

P. Methoděj Minařík O.Carm.