Formator als Bildhauer: Herausforderung, Funktion und Verantwortung (Teil 3)

Fr. Desiderio García Martínez, O.Carm.

3.2. – Formen

Die Brasilianer nennen den Amazonasfluss so seit dem Zusammenfluss der Flüsse Río Negro und Solimoes. (Heilige Teresa von Jesus würde an meiner Stelle jetzt sicherlich anmerken, wie in 5H 2,2: „die ich nie gesehen habe, sondern nur davon gehört, und wenn ich etwas verfälsche, wird es nicht meine Schuld sein“.)1 Der Río Negro, wie der Name schon andeutet (Schwarzer Fluss), ist durch eine Reihe von Naturphänomenen dunkel gefärbt. Im Gegensatz dazu hat der Solimoes eine rötlich-gelbe Farbe. Auf einem Abschnitt von sechs Kilometern, wo sich die Gewässer dieser Zuflüsse im Amazonas vereinigen, können wir ein erstaunliches Schauspiel erleben. In demselben Flussbett strömen, ohne sich zu vermischen, zwei Ströme Wasser parallel nebeneinander und bilden eine Art zweifarbige Autobahn. Die schwarzen Wasserströme fließen auf der linken Seite und die ockerfarbenen auf der rechten. In der Nähe der Stadt Manaus geschieht das Wunder der Vereinigung. Wir wirbeln und kleine Überläufe (wie in einem Mixer) mischen einen neuen, schokoladenbraunen Fluss Amazonas. Worauf beruht das große Drama der Formation? Mit Gott „parallel“ zu leben, auch wenn das Wunder echter Begegnung mit ihm nicht geschieht. Aber irgendwann muss ein Kreuzungspunkt unserer und seiner Wege kommen, ein Treffen mit Christus muss erfolgen. Die Kontemplation, zu der wir gelangen sollen, bedeutet nicht, den Herrn aus der Ferne „zu beobachten“ oder „neugierig anzustarren“. Einen Kandidaten zur Kontemplation zu formen bedeutet, ihn zu verbindet, sich mit Christus zu vermischen. Das Dokument RIVC nennt diesen Moment Transformation [in das Bild] Christi.2

Im Gegensatz zu einem bloßen Training in der Selbstkenntnis, das den Kandidaten lehrt, das gesamte Spektrum seiner „Bedürfnisse“ zu entdecken, bedeutet formen (formar) eine Provokation, eine Aufforderung zu einem neuen Lebensstil, der die geweihte Person in eine neue Identität einführt. Diese Person ist [schließlich] berufen, ihr „ideales Ich“ zu sein und sich dabei am karmelitischen Charisma festzuhalten. Der Entwurf des geschaffenen Kunstwerks, nämlich das Ideal dieser Person, liegt außerhalb von ihr selbst, ist jedoch real und zieht uns immer an: es ist Jesus Christus. Der Mensch ist das Wesen par excellence, das transzendent ist. Er lebt nicht zur Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse und zur Stillung seiner Triebe, noch um sich selbst durch die Jagd nach Glück zu verwirklichen. Glück ist das Ergebnis der Suche und Einheit mit Gott, es kann nicht das Ziel an sich sein. RIVC sagt in Artikel 6:

„Der Versuch, eine tiefe Beziehung zu Christus zu leben und ihm ähnlich zu werden, ist also das eigentliche Kernstück unserer Formation.“

Formation ist keine Frage der Informiertheit auf intellektueller Ebene. Lassen wir uns nicht einreden, dass es genügt, unsere Fehler zu erkennen, um sie zu überwinden. Bei formen geht es darum, uns selbst tiefgreifend zu betrachten. Und das ist nur möglich, „wenn wir wissen, dass er uns mit Liebe betrachtet“.3 „Wenn Gott blickt, liebt und Gnaden gibt“ (DPB 19,6). Gott, wie der heilige Johannes vom Kreuz später darüber sprechen wird, liebt uns nicht nur, wenn er auf uns schaut (spanisch: ama), sondern er liebt uns sehr stark (adama). Das Wort adamar, wie der heilige Johannes gleich erläutert, bedeutet sehr lieben: „es ist mehr, als einfach zu lieben; es ist doppelt zu lieben“ (DPB 32, 5).4 Gott, weil er uns wie Gott liebt, liebt uns nicht weniger, als er sich selbst liebt. Der Kandidat sollte sich daher bewusst sein, dass er nicht beeinflussen kann, dass Gott ihn mehr liebt, noch kann er beeinflussen, dass Gott ihn weniger liebt. Vor allem muss er sich bewusst sein, dass Gott uns in Christus schon von Anfang an vollkommen geliebt hat, obwohl wir „befleckt“ (durch die Sünde) waren. Doch bereits damals schaute er auf uns und imprägnierte uns mit seiner Gnade als Siegel.5 In Christus liegt das Bild – forma, das zu erwerben und zu prägen ist (vergleiche RIVC 1; 6; 51). Eine große Hürde besteht darin, wenn die Person, die geformt wird, sich weigert, auf sich selbst zu schauen, und damit nicht in die Verwandlung durch die Liebe eintritt, weil der alte Mensch in ihr, ähnlich wie Adam im Paradies nach der Sünde, sich durch die bedingungslose Liebe Gottes beschämt fühlt."6

So mancher Mensch häuft zu den „Tonnen“ von Liebe, die in unserem Leben die Hauptsache sind, Tonnen von Negationen an. Negationen geben jedoch niemandem eine Identität. Von ablehnenden Haltungen lässt sich nicht leben, ebenso wie niemand leben kann, der auf seine „Bedürfnisse“ verzichtet. Der Verzicht sollte im Wesentlichen eine Entscheidung für [jemanden oder etwas] sein. Methodisch sollte in der humanistischen, christlichen Pädagogik das positive Entschluss (Wahl) betont werden, nicht die negative Dimension. Und das nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis. Ich kann erzogen werden (siehe 3. 1.) zur Entdeckung meiner Bedürfnisse, nur unter der Bedingung, dass ich geformt werde (wie in diesem Absatz beschrieben) zu dem, dass ich das Bild Christi, den Reichtum und die Werte, die in ihm sind, (vergleiche RIVC 15;16). Ich kann die Liebe nicht mehr ablehnen, denn sie ist jetzt das Motiv meines Lebens. Wenn ich in meiner Sturheit mehr Negation als einen positiven Ansatz in mir ernähre, wird der Moment kommen, in dem ich diese ablehnende Haltung abwerfe, aber ich werde das auch mit hohen Zinsen bezahlen. Unsere spirituelle Tradition verstand dieses präzise Ordnungsprinzip gut: an erster Stelle steht die freie Wahl (Mystik), erst an zweiter Stelle der Verzicht (Asketik). Die heilige Teresa sagt:

„Lasst uns jetzt zur Abgetrenntheit zurückkehren, die wir haben sollten, denn darin liegt alles, wenn es mit der Vollkommenheit einhergeht,... darin, dass die Seele großzügig an den guten Jesus, unseren Herrn, anhaften, denn wenn sie in ihm alles findet, vergisst sie alles“ (CV 9, 5).

Damit wir viele Dinge von uns abwerfen und uns von den Fesseln der Sklaverei befreien, reicht es, dass wir uns „mit fester Entschlossenheit“ (hartnäckig, selbstlos und ein für alle Mal) in die Arme Christi werfen. Wir können auf andere Dinge verzichten, wenn wir entdecken, dass Christus der Schatz ist. Ich gebe ein Beispiel: Wenn ein Mann in seine Frau verliebt ist, vergisst er alle anderen. Wenn er nicht in sie verliebt ist, ist es viel einfacher, dass er an andere Türen klopft. Der heilige Johannes vom Kreuz erfasst den selben Sinn im Geistlichen Lied mit den Worten:

„Denn wenn ich heute auf dem offenen Feld nicht gesehen werde und nicht gefunden werde, sagt, dass ich verloren bin, dass ich in meiner Verliebtheit verloren und gewonnen bin“ (DPB 29).

Mit diesem „Raum“ war die gemeinsame Weide oder auch ein Feld gemeint, das brachlag, ein Grundstück, das dem Dorf gehörte, wo sich die Hirten mit ihren Herden versammelten. Dieses Areal wurde unter anderem auch für den Handel genutzt, wo die Menschen einfach Nahrungsmittel auftanken und ihre Waren austauschten. Der heilige Johannes vom Kreuz stellt eine rhetorische Frage: „Scheint es dir, dass ich mich verloren habe, weil ich nicht mehr mit meiner Herde dort gesehen werde, wo ich früher hin kam, um zu kaufen und zu verkaufen (mit anderen Worten: meine Bedürfnisse zu stillen)?“ Er antwortet: „Nicht! Und fügt hinzu: „Denn ich habe mich verliebt. Ich habe Jemanden gefunden, der meine Bedürfnisse vollständig stillt. Ich muss nicht mehr für meinen Lebensunterhalt dorthin, wo ich früher gekommen bin.“ (Vergleiche Johannes 4; die Samariterin.)

Wenn es dem Vater eigen ist, zu erziehen, dann gehört es dem Sohn, zu formen. Die Gefühle des Sohnes sind ein beispielhaftes Modell für das geweihte Leben. Wenn das Ziel der Formation Christus und seine Gefühle sind, kann nur er der Töpfer sein (vergleiche Jer 18,4). Wir haben bereits angedeutet, dass Christus der Formator par excellence ist. Die evangelischen Räte binden uns an Christus und sind Werte, die uns ihm ähnlich machen (vergleiche RIVC 7; 9; 19c; 25).

„Der Karmel versteht das Leben nach den evangelischen Räten als den angemessensten Weg, um zur vollen Verwandlung in Christus zu gelangen“ (RIVC 25).

In der Formation zum geweihten Leben sind wir als Karmeliten berufen, unsere kontemplative Haltung so zu leben, wie es der Zweite Vatikanische Konzil über die Ordensleute lehrt:

„Dieser Zustand folgt genauer“ (lateinisch pressius) „... dem Lebensstil, den der Sohn Gottes angenommen hat, als er in die Welt kam“ (LG 44).

Der lateinische Komparativ pressius wird in die Landessprachen häufig mit „enger“ übersetzt, wodurch seine Bedeutung an ursprünglicher Intensität verliert. Pressius ist abgeleitet von dem Verb premō, premere, was „drücken“ oder auch „pressen“ bedeutet. Übertreibe ich diesen Gedanken, könnte ich mit etwas Übertreibung sagen, dass unser Ordensstand uns „drückt“ oder „presst“ in den Lebensstil Jesu Christi.7

„Die Formation muss den Brüdern helfen, die Freiheit zu erreichen, die es ihnen ermöglicht, über sich selbst und ihre Interessen hinauszuwachsen, ihr egoistisches Ich und ihre persönlichen Bedürfnisse zu überwinden. (…) Die Aktivierung und das Ausdruck dieser Dynamik der persönlichen Befreiung in allen Ebenen gehört zu den evangelischen Ratschlägen der Gehorsamkeit, der Armut und der Reinheit“ (RIVC 16).

Leben nach den evangelischen Räten ist Ausdruck einer Lebensentscheidung und der Freiheit, die mich von der Notwendigkeit ablenkt, „zu überleben“, und mich hinführt zu der Hoffnung, die die Armut gibt; von der Notwendigkeit, alles selbst unter Kontrolle zu haben und unabhängig zu sein, wird mich der Gehorsam geleitet; von den „dringlichen“ Bedürfnissen führt es zur Liebe, die der Reinheit eigen ist.

„Die Praxis der evangelischen Räte ist daher eher ein Mittel, mit dem wir in der Liebe wachsen und so das volle Leben in Gott erreichen“ (RIVC 25).

Seine Weihe zu Christus prägt sich der Kandidat (wie ein Siegel) immer tiefer in sein Inneres ein. Nicht jedoch als Mittel zur Erlangung eigener moralischer Vollkommenheit, sondern als Geschenk, das für andere bestimmt ist, wodurch er sein Leben in Hingabe verwandelt. Erziehung (educar) hat uns von der Ehrlichkeit zur Wahrheit erhoben; Formen (formar) führt uns von der Wahrheit zur Freiheit; und Begleitung, wie wir noch sehen werden, konzentriert sich von der Freiheit auf das Geschenk der Selbsthingabe (die Hingabe, das Opfern des Selbst).

Aus dem Spanischen übersetzt von Jaroslava Kučerová


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