Formator als Bildhauer: Herausforderung, Funktion und Verantwortung (2. Teil)

Fr. Desiderio García Martínez, O.Carm.

3. Worin besteht die Aufgabe des Formators

Es geht darum, sich im praktischen Leben eine Art mystagogischen Itinerars [umgangssprachlich gesagt „Wegplan“] anzueignen (vgl. RIVC 58), der den Kandidaten Schritt für Schritt in Richtung Freiheit lenkt (vgl. RIVC 13; 16; 22; 56), wodurch er ihn zur Einheit in der Liebe zu Gott führt. Die Bedeutung dieses Itinerars lässt sich in drei Worten zusammenfassen: erziehen, umgestalten1 und begleiten. Diese drei Aufgaben sind nicht isoliert zu betrachten, man kann sie nicht voneinander trennen, wie wir einen Wurstkranz teilen. Auch braucht man die angegebene Reihenfolge nicht als strikt zu betrachten. Wir wissen, dass der, der erzieht, gleichzeitig umgestaltet und begleitet. Und der, der umgestaltet, zugleich erzieht und begleitet. Und wer begleitet, erzieht und gestaltet mit.

3.1 – Erziehen

Am 12. Januar 2007 führte die Washington Post ein besonderes Experiment durch, das zum Ziel hatte, den künstlerischen Geschmack des durchschnittlichen nordamerikanischen Bürgers zu bewerten. Das Experiment sollte enthüllen, wie der gewöhnliche Mensch Schönheit wahrnehmen kann. Deshalb überredeten sie Joshua Bell, einen der berühmtesten Violinvirtuosen der Gegenwart, sich in abgetragene Jeans zu kleiden, eine Baseballmütze aufzusetzen und im Vorraum einer der Washingtoner U-Bahn-Stationen als Straßenmusiker einige Passagen aus einem atemberaubenden Konzert in der Bostoner Symphony Hall zu spielen, wo er kurze Zeit zuvor als Solist aufgetreten war. Seine anschließende Reaktion ist sehr bekannt: „Es war ein merkwürdiges Gefühl,... die Menschen ignorierten mich völlig.“ Auf die Frage, was ihn am meisten beeindruckt habe, fügte er lachend hinzu: „An diesem Morgen haben die Stradivaris, deren Wert auf 3,5 Millionen Dollar geschätzt wird, insgesamt 32 Dollar und 17 Cent eingebracht.“ Diese Erfahrung ließ ihn nicht kalt. Dank ihr wurde ihm auch bewusst, dass oft: „direkt neben uns die außergewöhnlichsten Dinge geschehen und wir sie überhaupt nicht beachten.“

Nur der Formator – Erzieher, der das Evangelium wirken lässt, um seine Empfindungen zu leiten, kann die Schönheit Gottes wahrnehmen, die sich im Inneren des Kandidaten widerspiegelt. Er wird die Schönheit auch bei einem Menschen wahrnehmen, der nicht allzu anziehend erscheint.2 Wenn der Formator zugleich Mittler sein soll, muss er zu einer kontemplativen Person werden, wodurch er eine enorme Verantwortung übernimmt. Er muss so kontemplativ sein, dass er mit gewisser geistlicher Besonnenheit bei denjenigen, die ihm anvertraut sind, die Gegenwart des Wirkens Gottes unterscheiden und offenbaren kann (vgl. RIVC 58a). „Schönheit und Hässlichkeit gingen eines Tages zum Baden ans Meer. Beide zogen sich aus und ließen ihre Kleider am Strand zurück. Als erste kam die Hässlichkeit aus dem Meer und kleidete sich heimtückisch in die Kleider der Schönheit. Der Schönheit, die als zweite aus dem Wasser stieg, blieben nur die Fetzen der Hässlichkeit. Seitdem zieht die Schönheit verkleidet umher, und nur kontemplative Augen verwechseln die beiden nicht.“3 Hässlichkeit kann unter Schichten von Make-up und anderen Kosmetika verborgen werden, oder man kann dafür Plastische Chirurgie verwenden (vgl. O. Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray). Wie viele Personen, die uns anvertraut sind, verbirgt im Gegenteil die Schönheit unseres Herrn unter einer scheinbar hässlichen Schale von Traurigkeit und Leid! Man muss sie mit Gottes Augen betrachten.

Die Aufgabe des Formators – Mittlers besteht hauptsächlich darin, zu erziehen. Der Formator erzieht (im ursprünglichen Sinne des lateinischen Verbs educare / erziehen bedeutet herauszuführen / e-ducere). Der Formator „bringt hervor, zieht heraus, entnimmt“ die Schönheit, Güte und Wahrheit aus dem Inneren seines Schützlings. Alles, was [wertvoll] ist, was die Person ist, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. In seiner konkreten Lebensgeschichte, in seinen Wunden und Schwächen, in seinen Fähigkeiten, Talenten und Begabungen. Der Formator tut dies, damit der andere besser in sich selbst eindringen kann, sich selbst erkennt und Schritt für Schritt zur Freiheit gelangt. Erziehen bedeutet, den anderen zu lehren, die Fähigkeit zu entwickeln, in sich selbst zu blicken, sodass wir „in der Wahrheit gehen“ (vgl. 6 H 10,7). Die Heilige Teresa sagt, dass: „es Seelen gibt, die so krank sind und gewohnt sind, nur bei äußeren Dingen zu verweilen, dass es dafür kein Heilmittel gibt, und es scheint, dass sie überhaupt nicht fähig sind, in ihr Inneres einzutreten. (...) Und wenn diese Seelen sich nicht bemühen, ihr großes Elend zu verstehen und zu heilen, werden sie wahrscheinlich erstarren wie Salztürme, weil sie ihren Kopf nicht zu sich selbst gewandt haben...“ (1 H 1,6.)

Indem der Formator erzieht, hilft er zugleich dem Kandidaten, sein menschliches Herz als eine gewaltige Höhle zu verstehen, die zwar viel fassen kann, aber ausschließlich für Gott erschaffen wurde und nur Er es vollständig befriedigen kann. Das, was dem Formator seine Sendung bei der geistlichen Begleitung erschwert, ist die Tatsache, dass wir uns größtenteils nicht bewusst sind (da sie „unbewusst“ sind) aller Ersatzgötter Gottes (nach biblischer Terminologie Götzen) oder (wenn wir Begriffe aus der Psychologie und Anthropologie der geistlichen Begleitung verwenden) aller Bedürfnisse. Dass wir diese erkennen, allmählich annehmen und dann integrieren, bedeutet nicht, dass wir notwendigerweise in das „tiefe Zentrum“ unseres Daseins eindringen. Dieses Zentrum gehört nur Gott: „Gott ist wie eine Quelle, aus der jeder so viel schöpfen kann, wie sein eigenes Gefäß fassen kann, (...) das Gefäß, das geschaffen wurde, um unendliche Mengen aufzunehmen.“4 Diese Quelle unseres Lebens kann mit vielen Dingen zugeschüttet werden – Gefühlen, gesellschaftlicher Anerkennung, eigener Unabhängigkeit, Kontrolle, Wissen, Ordnung, dem Manipulieren anderer, der Befriedigung der eigenen Sexualität, Lust, Erfolg. Es ist aber unmöglich – merkt der heilige Johannes vom Kreuz an – diese unsere „tiefe Höhle des Sinns“ vollständig zuzuschütten, denn „sie erfüllt sich nur mit nichts Geringerem als dem Unendlichen“ (ŽP 3, 18).5 Nur Gott ist unendlich. Erziehen bedeutet, den anderen zu diesem Erkenntnis zu begleiten. Erziehen bedeutet aber auch, einen auf die Bedürfnisse des betreffenden Kandidaten ausgerichteten Plan zu erstellen, der aufdeckt, welche Bedürfnisse häufiger sind, welche sich wiederholen und wie sie wirken und zusammenwirken.

Indem ich die Bedürfnisse akzeptiere und in mein Leben integriere, erkenne ich zugleich, dass ich in vielen Situationen dies unbewusst tue. Und obwohl die Bedürfnisse teilweise meine Freiheit im Nachfolgen Christi einschränken, wird meine Entscheidung, für Ihn zu leben, dadurch objektiv nicht erschüttert. Indem ich (derer) mit dem Verstand entsage, bringt das Spannung in mein Leben. Das ist aber nicht nachteilig. Im Gegenteil. Solche Spannungen sind typisch für reife Menschen, die hinter ihren Entscheidungen stehen, denn sie helfen, zu höheren Werten zu wachsen. Es kann so sein, dass ich nicht für alles, was mir im Leben begegnet ist, verantwortlich bin. Ich kämpfe zum Beispiel mit einer gewissen Labilität, Zwang oder Unbeständigkeit, die vermutlich das Ergebnis früherer Verletzungen ist, für die ich nicht verantwortlich bin. Wofür ich jedoch verantwortlich bin, ist die aktuelle Einstellung, die ich gegenüber meinen Schwächen einnehme – einschließlich derer, die ich aus der Vergangenheit mit mir trage. Verantwortlich sein zu können, bedeutet, den Mut zu haben, seine Schwächen eine nach der anderen zu akzeptieren. Das hilft mir, meine Lebensgeschichte nicht allzu dramatisch zu betrachten, viele Verletzungen zu heilen, die Wahrheit zu lernen und zu sein, der ich bin. Im Gegensatz dazu ist der, der seine Schwächen leugnet, zum Tragen von ihnen verurteilt. Wer seine Schwächen ignoriert, tut nichts anderes, als sie zu verstärken.6

Wie können wir das, was uns nicht erfüllt, ablegen? Wenn wir keine soliden „Werte“ haben, die uns anziehen, gibt es für uns praktisch auch kein solides Loslassen. Der einzige Ausweg (wie wir in den folgenden Zeilen sehen werden) wird der Moment sein, wenn uns etwas weit Besseres angeboten wird als das, woran wir momentan festhalten, nämlich die transformierende Liebe Gottes. Der heilige Johannes vom Kreuz vergleicht diesen Gedanken mit der Situation, wenn ein Kind einen gefährlichen Gegenstand (ein Messer) in den Händen hält. Es ist absolut unsinnig, dass die Mutter in diesem Moment lange Diskussionen oder Vorträge darüber führt, wie sich das Kind verletzen könnte, wie gefährlich es ist, und es dazu bringen will, das Messer loszulassen. Der heilige Johannes schließt dieses Bild: Es ist besser, das Kind auf etwas Besseres zu locken (ihm ein Bonbon anzubieten), denn so lässt es von dem, was es festhält, sofort los und greift nach etwas anderem. „Wie wenn man einem Kind eine Sache aus der Hand nehmen will, muss man es mit einer anderen beschäftigen; sonst würde es weinen, wenn es leere Hände hätte“ (3V 39, 1). Der heilige Johannes vom Kreuz bietet ein weiteres einfaches und eloquentes Beispiel: „Es spielt keine Rolle, ob der Vogel mit einem dünnen oder dicken Faden verbunden ist, denn solange er daran gebunden ist, sei es auch mit einem dicken, wird er nicht fliegen können, bevor er ihn nicht durchtrennt. Es ist wahr, dass der dünne Faden leichter zu durchtrennen ist; aber egal wie leicht es ist, wird er, wenn er ihn nicht durchtrennt, nicht aufsteigen. So ist es mit der Seele, die an etwas hängt“ (3V 11, 4).

In diesem Sinne ist die Bildung (educatio) dem Vater, dem Schöpfer eigen (vgl. Gn 1; Ps 139). Er „führt heraus“, „zieht an die Oberfläche“ und auf die Ebene des Bewusstseins, was der Mensch wirklich ist. Wenn wir das aus diesem Blickwinkel betrachten, führt die erzieherische Wirkung zu Erkenntnis und zur vollständigen Selbstverwirklichung des eigenen Ichs. Sie führt zur Versöhnung mit dem eigenen Leben und zur Heilung von Wunden aus der Vergangenheit. Gott erzieht sein Volk, indem er es mit seiner „mächtigen Hand, ausgestrecktem Arm“ (Dt 4,34 ff.) aus der Sklaverei Ägyptens herausführt und es mit Stricken der Güte und Barmherzigkeit zu sich zieht (Hos 11,4). Aber wie ein Vater seinen Sohn ermahnt (vgl. Dt 1,3), so ermahnt Gott sein Volk, um es ins verheißene Land und zur Freiheit zu führen. Erziehen bedeutet also, an Gottes schöpferischem Werk teilzuhaben. Durch die Erziehung werden wir verwandelt und verändert. Ähnlich wie bei der Schöpfung gehen wir vom Nicht-Sein zum Sein. Das alles ist Gnade, die uns gegeben ist.7 Wenn wir uns jedoch aus den Händen Gottes herauszuwinden versuchen, widersetzt sich „der alte Mensch“ in uns erneut dem Wirken des Schöpfers. Der heilige Johannes vom Kreuz illustriert dies in folgendem Gedanken. Wir bewundern als etwas Schweres, dass Gott den Menschen aus dem Nichts erschaffen hat. Weitaus schwieriger ist es, dass Gott den Menschen erneuert. Im Unterschied zum Menschen widersetzte sich „Nichts“ dem Schöpfer: „... wie viel mehr tut Gott, wenn er die Seele von diesen Gegensätzen reinigt und reinigt, als wenn er sie aus dem Nichts erschafft“ (1V 6,4)! Wir wurden geschaffen, um im Paradies „mit Gott zu gehen“ (vgl. Gn 5,24). Umgestalten – also „neu schaffen“8 – bedeutet, zum Mitwirken am Werk Gottes zu erziehen.

Aus dem Spanischen übersetzt von Jaroslava Kučerová

 


1 2 3 4 5