Welches Bild von Gott fasziniert den heutigen Menschen? (5/6)

Die Menschen müssen erneut lernen, Gott zu »sehen« und in der »Schau« Gottes zu leben...Mystik ist der höchste Grad der Entwicklung der menschlichen Natur

Der heutige Begriff Gottes hat neben einem pragmatischen auch einen intuitiven Charakter. Wir müssen die günstigen Umstände nutzen und den intuitiven Menschen lehren, Gott dort zu sehen, wo er uns nicht verborgen ist und wo er für unseren Verstand als Gegenstand unseres Denkens erreichbar ist. Verstehen Sie mich gut! ...

In unserer Zeit halte ich es für notwendig, zu lernen, das gesamte Sein in seiner Abhängigkeit von Gott zu betrachten und es als von Gott kommend zu sehen. Wir müssen in ihm das Werk Gottes erkennen, seine Gegenwart in ihm wahrnehmen, Gott in ihm anerkennen und (so ihn) verehren – und zwar zunächst in uns selbst. Gott ist hier und offenbart sich uns. Er will, dass wir ihn hier »erblicken« und als Gott anerkennen. Nirgendwo ist er schließlich besser erkennbar als im Wesen unseres Seins. Wäre der Gedanke an die göttliche Gegenwart in uns, an die vollkommene Abhängigkeit der gesamten Natur von Gott, an sein Wirken und Selbstoffenbarung in all der Schöpfung lebendig, würde der Mensch ganz anders handeln und seine Taten wären im Einklang mit der göttlichen Offenbarung.

Die Menschen müssen erneut lernen, Gott zu »sehen« und in der »Schau« Gottes zu leben. Dies wird Mystik genannt, und ich schließe mich dem gerne an, wenn damit gemeint ist, dass Mystik der höchste Grad der Entwicklung der menschlichen Natur ist, dessen Erlangung jedoch nur durch besondere göttliche Gnade möglich ist. Mystik steht nicht im Widerspruch zur Natur, sondern im Gegenteil, die Natur ist berufen, in Gott den edelsten Gegenstand ihres Wissens zu erblicken. Schade, dass die Menschen das nicht mehr verstehen. Die mystischen Werke Ruysbroeks (1) können uns wieder lehren, wie wir, wenn wir das natürliche Geschenk des Verstandes nutzen, zu einer immer klareren »Schau« Gottes gelangen können. Es ist eine große Freude, dass die Menschen heute wieder nach den Werken der Mystiker fragen, dass man sich wieder mit den Mystikern »berät«, um von ihnen zu lernen, Gott zu sehen und ihr Bild von Gott zu übernehmen. Aus der intuitiven Wahrnehmung Gottes in der Essenz der gesamten Schöpfung erwächst dann eine Begeisterung, die notwendig in Handeln übergeht.

Wir beobachten mit Freude, dass viele, insbesondere junge Menschen, sich durch den heiligen Enthusiasmus, der aus der Verbindung mit Gott stammt, zu einem Dienst inspirieren lassen. Gott, den sie in ihrem Innern verehren, mit dem sie sich durch die Gnade noch vertrauter verbunden fühlen und mit dem sie sich beim täglichen heiligen Empfang vereinen, führt diese Menschen. Und so soll es auch sein. Nur eine gute Tat reicht heute nicht mehr aus. Vielmehr muss sie aus dem Bewusstsein hervorgehen, dass uns unsere Einheit mit Gott dazu verpflichtet. Dieses Bewusstsein muss die treibende Kraft der guten Taten sein. Gleichzeitig gilt jedoch auch, dass der Glaube allein nicht ausreicht; der Glaube muss in den Taten leben und den Menschen so ermöglichen, seinen Wert zu sehen.

So skizzierte das Bild Gottes ist so überzeugend, dass es sich nicht nur schnell gegen vage und unklare Vorstellungen von Gott durchsetzt, sondern sich auch in Kämpfen bewährt und allen möglichen Hindernissen standhält.

(1) Jan van Ruysbroek (1293–1381) war ein flämischer Theologe, Mystiker und Schriftsteller.

Entnommen aus dem Buch: Engagierte Mystik
Autor: Titus Brandsma
Verlag: Bonifatius-Verlag Paderborn, 1991
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.


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