Titus Brandsma (1881–1942)
Es wird zunehmend deutlich, welches Bild von Gott »entsteht« aus der heutigen Denkweise und welches »Gottesbild« (1) die menschliche Natur in die richtige Richtung führt und die Menschen am meisten verzaubert und am leichtesten gewinnt im Hinblick auf das gegenwärtige Denken.
Da wir Gott lieben und möchten, dass ihn alle verehren, ist es notwendig – wenn wir den Menschen ein Bild von Gott präsentieren wollen, das unserer Zeit angemessen ist – insbesondere die folgenden Aspekte des Gottesbildes in den Vordergrund zu stellen (2).
Zunächst müssen wir Gott als die tiefste Grundlage unseres Seins wahrnehmen, die im Innersten unserer Natur verborgen ist, aber dennoch »erblickt« und erkannt werden kann. Diese Grundlage können wir klar mit unserem Verstand erkennen, und wenn wir sie uns regelmäßig ins Gedächtnis rufen, werden wir sie intuitiv stets vor Augen haben. Und dann werden wir Gott nicht nur im eigenen Inneren verehren, sondern ebenso in der Essenz aller Geschöpfe, in den Menschen, in der Natur, im Universum – allgegenwärtig und alles durchdringend durch sein schöpferisches Wirken. Das Verweilen und Wirken Gottes in uns soll nicht nur Gegenstand intuitiven Erkennens sein, sondern sich in unserem Leben, in unseren Worten und Taten äußern, es soll von unserem gesamten Wesen und Verhalten ausstrahlen.
Dieses natürliche Bild von Gott, das den gegenwärtigen philosophischen Denkrichtungen am nächsten steht, wird gestärkt, wenn wir aus unserem übernatürlichen Bild von Gott, das wir aus der Offenbarung kennen (3), solche Aspekte in den Vordergrund stellen, die am meisten mit jenen Elementen des natürlichen Gottesbildes übereinstimmen und diese entweder näher beschreiben oder erklären. Jetzt denke ich an die Lehre von der »Gnade«, an das, was erfahrene Theologen unter dem Begriff Gnade verstehen, und an die Praxis der drei theologischen Tugenden, die sowohl das Werk der Gnade als auch die göttliche Gegenwart (4) in jedem Geschöpf anschaulich und »erblickbar« macht. Wo der Glaube, die Hoffnung und die Liebe heroisch praktiziert werden, spüren wir die Nähe Gottes; es ist, als käme uns Gott im Menschen entgegen, der diese Tugenden praktiziert, und jeder, der dies erlebt, ist von dem ausstrahlenden göttlichen Licht fasziniert.
In diesen dunklen Zeiten (5) sind die schrittweise Vorbereitung und Entwicklung eines solchen Gottesbildes ein außergewöhnliches Licht. Kaum etwas macht uns den Begriff Gottes so wertvoll und ansprechend wie die Vorstellung, dass Gott in uns wohnt, dass wir ihn in uns entdecken und erkennen dürfen, dass er in allem, was uns umgibt, wohnt und dass das Licht, das aus Gottes Anwesenheit in unserem Inneren strömt, aus unserem ganzen Leben ausstrahlen kann. Eine solche Entwicklung in der Philosophie ist sicherlich positiv zu bewerten, da sie insbesondere diesen Aspekt betont.
Die Religion vertieft sich in diesem »Streit um Gott« und wird innerlicher, und es ist sehr erfreulich, dass aus diesem geistigen Konflikt ein so schönes Bild von Gott entstanden ist. Man kann sicherlich nicht sagen, dass aus diesem Streit dieses Gottesbild »entstanden« ist, denn es handelt sich nicht um ein »neues Bild von Gott« – vielmehr hat es »neues Leben« erhalten. Dieses »neue Leben« spiegelt zwar das Bild Gottes wider, das schon in früheren Zeiten vorhanden war, das jedoch in jeder Zeit in eigenen Farben leuchtet. Es handelt sich meist um Randthemen, wichtig ist vor allem die Kombination dieser verschiedenen Aspekte. Dennoch gilt, wie die Franzosen sagen, dass »der Ton die Musik macht« (6), dann sprechen wir hier von einem »neuen Akkord«, in dem der heutige Mensch seinen eigenen Ton hören kann, der diesem Akkord (in seinen Ohren) einen besonderen Zauber verleiht.
(1) Im Sinne von: welches Konzept, welches Verständnis von Gott.
(2) Der Vortrag fand am 17. Oktober 1932 an der gerade gegründeten Universität in Nijmegen statt. Unsere gegenwärtige Zeit ist natürlich anders, aber die Denkweise und die Suche nach einem angemessenen Bild von Gott für die Verkündigung, wie wir sie bei Titus Brandsma sehen, bleibt auch für uns heute inspirierend.
(3) Gemeint ist die biblische Offenbarung.
(4) Wörtlich »göttliches Element«.
(5) Wir befinden uns in einer tiefen Wirtschaftskrise, kurz vor der legalen Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland.
(6) »C’est le ton qui fait la musique«; die deutsche Übersetzung könnte auch lauten: »Die Melodie macht das Lied«. Der Sinn dieses Sprichworts: es kommt (nicht nur) darauf an, was gesagt wird, sondern (sehr oft noch mehr) wie es gesagt wird; in der Verwendung von Titus bedeutet dies also: obwohl die Wahrheit über Gott unverändert bleibt, kommt es darauf an, wie sie verkündet wird, und es muss nach einem für den heutigen Menschen verständlichen und ansprechenden Weg gesucht werden.
Entnommen aus dem Buch: Engagierte Mystik
Autor: Titus Brandsma
Verlag: Bonifatius-Verlag Paderborn, 1991
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.