Die Katastrophe des Kreuzes geschieht auch aufgrund meines Egoismus.

Wo echte Kämpfe stattfinden, da würde man sich wohl irgendwie aufraffen...Adrienne von Speyr (1902–1967)

Während Sie weg waren (ich war zehn Tage wegen eines Kurses abwesend), war das Thema fast jede Nacht: Einsamkeit (1). Niemand will dem (Herrn) ins Leiden folgen, es gibt keinen Dienst (2) im Hinblick auf das Leiden mehr, keine Hingabe des gesamten Lebens ohne Rest. So vergrößert sich die Einsamkeit mit dem sich nähernden Kreuz immer weiter.

Petr, der erste der Jünger, verleugnet; um den Herrn entsteht ein großes Vakuum. Es würden sich viele Menschen finden, die den Herrn mögen und auch irgendwie glauben, aber sie haben Angst vor der Teilnahme am Leiden des Ölbergs, vor der Teilnahme am Kreuz. Sie fühlen sich in dem, was unterdurchschnittlich und vage ist, engagiert, und darüber hinaus reicht ihr Interesse nicht. Vielleicht wären sie interessiert gewesen, wenn es ihnen früher jemand gesagt hätte, aber jetzt haben sie feste Pläne für ihr Leben. Es reicht ihnen, wenn sie weiterhin auf dem richtigen Weg »vegetieren«.

Der Herr ist am Kreuz gebunden. Die Einschränkungen, die untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden sind, bleiben bis zum letzten treu. Versagen und Gleichgültigkeit der Menschen um ihn herum trägt er wie jemand, der den Willen des Vaters erfüllt. Er, der Sohn Gottes, will sein Versprechen, Mensch bis zum Ende zu sein, nicht verraten.

In diesem Jahr sehe ich die Tragödie des Kreuzes auffällig im Zusammenhang mit der heutigen Welt und der heutigen Kirche: alles, was der Mensch hört oder liest, zeigt in die gleiche Richtung: Der Mensch interessiert sich im Grunde nicht mehr für das, was im Leiden des Herrn geschieht. Wenn ich aber nach Gründen suche, warum die Welt heute so ist, kann ich meine Mitverantwortung nicht übersehen: auch ich will es nicht anders. Ich will nicht anders und lasse mich von anderen flachdrücken. Und so erfüllt sich die Katastrophe des Kreuzes auch durch meinen – eigentlich nicht so gravierenden – Egoismus.

Wo echte Kämpfe stattfinden, da würde man sich wohl jedenfalls so weit aufraffen, dass man sich daran beteiligt; wo jedoch nur diese bitteren tristen banalen Angelegenheiten im Spiel sind, lässt man ihnen freien Lauf. Vielleicht hatte ich vor ein paar Tagen eine gute Idee; heute sage ich mir: es lohnt sich nicht, man kann ohnehin nichts Wirkungsvolles tun.

Für den Herrn gibt es jedoch keinen Moment – bis zum letzten gibt es keinen! –, an dem er sagen würde: es lässt sich wirklich nichts machen. In seinem Kreuz konzentriert sich alles, was der Mensch bisher nicht erfahren hat. Durst, Schmerz über jedes Maß und unendliche Verlassenheit. Seit der Ewigkeit hat er alles gegeben, aber in den Einzelheiten wusste er (3) nicht, welchen Inhalt sein Geschenk hat.

(1) Adrienne teilt diese ihre Erfahrungen Hans Urs von Balthasar am Gründonnerstag 1964 mit, und er notiert sie.
(2) wörtlich: Diakonie.
(3) Im Sinne von: nicht erfahren.

(Adrienne von Speyr, Kreuz und Hölle I., Einsiedeln 1966; übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.)