P. Gorazd Cetkovský, O.Carm.
(Überarbeitete Abschrift der Aufzeichnung eines Vortrags vom landesweiten Treffen der Drittordensangehörigen in Kostelní Vydří am 16. Juni 2007.)
Der Generalprior in Rom und die Brüder im Ausland haben beschlossen, dass wir das Jahr 2007 im Karmel als das Jahr erleben werden, in dem wir das Jubiläum der Verfassung der karmelitischen Regel gedenken – eines Textes, nach dem die Karmeliten zu Beginn, als ihre Gemeinschaft gegründet wurde, auf dem Berg Karmel lebten und der uns durch die Geschichte hindurch als ständige Inspirationsquelle dient.
In dieser Weise möchte ich jetzt auch mit Ihnen über den Text der Regel nachdenken. Lassen Sie uns über diese grundlegenden Regeln meditieren, die die Karmeliten seit 800 Jahren bewahren – von (sagen wir) 1207 bis 2007, bis zu unserer Gegenwart. Versuchen wir, wichtige Themen zu erfassen, die immer zu einem christlichen Leben gehören. Dieser Text legt sie uns ans Herz, aber sie sind allgemein wichtig – auch für den, der nicht in der Familie des Karmel lebt oder sich in keiner Weise verpflichtet fühlt, sich mit unserer Regel zu beschäftigen oder sie gar zu befolgen.
Sich mit einem Text zu beschäftigen, der 800 Jahre alt ist, ist gewissermaßen kühn, denn der zeitliche Abstand und die Distanz zwischen der damaligen Umgebung auf dem Berg Karmel und unserer Umgebung, in diesem Land im Jahr 2007, sind durchaus groß. Viele Dinge haben sich seither im menschlichen Leben verändert. Und dennoch finden wir in den Bestimmungen der Regel Anregungen auch für uns. In unserer Gemeinschaft der karmelitischen Ordensbrüder, als wir einst darüber nachdachten, sprach Pater Ivan zu diesem Thema und legte uns sehr klar und verständlich ans Herz, dass wir Karmeliten uns mit diesem Text des Heiligen Albert – Bischof, der diesen ersten Regeln für die Karmeliten verfasste – nicht aufhören dürfen zu beschäftigen! Denn unsere Familie hat diese Regeln als ein Erbe erhalten und sie spiegeln wider, wie die erste Gemeinschaft unserer Brüder lebte. Es ist wie eine Wurzel, aus der wir hervorgehen, und die wir niemals leugnen dürfen. Im Gegenteil: auf die wir immer wieder zurückkommen werden.
Bei der Zeremonie der Drittordensprofess fragt der Zelebrant diejenigen, die das Gelübde ablegen wollen: „Brüder und Schwestern, was verlangt ihr von uns?“ Und sie (oder einer von ihnen für alle) antworten: „Wir bitten um die Erlaubnis, nach dem Evangelium im Geiste des Karmel zu leben, gemäß der vom apostolischen Stuhl genehmigten Regel.“1 Und das ist zunächst diese Regel, ergänzt dann durch weitere Anweisungen. Viele wissen, dass wir für unseren internen Bedarf in unserem dritten Orden ein Heft herausgegeben haben, das wir „Regeln für das Leben der karmelitischen Drittordensangehörigen“ genannt haben. Und dort sind drei Dokumente enthalten:
- Diese kurze Regel des heiligen Albert von Jerusalem, die also aus der Zeit um 1207 stammt,
- die weltweite Regel des karmelitischen dritten Ordens (genehmigt im Jahr 2003),
- die Statuten des karmelitischen dritten Ordens in der Tschechischen Republik, die noch etwas jünger sind (aus dem Jahr 2004).
Bei diesem Nachdenken werde ich mich an den ersten dieser Texte halten, der bereits 800 Jahre alt ist und nach dem die Karmeliten bis heute zu leben versuchen. Zuerst möchte ich zur Wiederholung erinnern, wie es mit uns Karmeliten alles ganz am Anfang war. In der Zeit der Gründung unserer Gemeinschaft – am Übergang vom 12. ins 13. Jahrhundert – strömten Scharen von Kreuzfahrern ins Heilige Land, die so dachten, aus Liebe zu Christus das Heilige Land politisch zu erobern, das doch mit dem Blut Jesu getränkt war! Sie strebten danach, dieses Heilige Land wieder in christliche Hände zu bringen und dort ein ideales christliches Königreich zu gründen, in dem die Menschen nach den Prinzipien Christi leben würden. Sie hofften, ein beispielhaftes Königreich zu errichten, das der ganzen Welt zeigt, wie es unter den Menschen hier auf Erden sein sollte.
Die Deckenmalerei in der Sakristei der Kirche St. Havel in Prag zeigt eine Szene aus den Anfängen des Ordens:
Schiffe an der Küste des Heiligen Landes.
(Foto Vlaďka M. Polišenská.)
Und mit diesen Kreuzfahrern, die es erobern wollten, reisten auch andere Leute, die sich dort niederlassen wollten und die in diesem neuen Königreich als Handwerker, als Händler oder als Menschen leben wollten, die sich dem Leben des Gebets widmeten. Gerade im Heiligen Land, auf dem heiligen Boden. Und unter ihnen waren Männer, die sich dann im Tal des Karmel am Eliasbrunnen niedergelassen haben. An einem Ort, an dem erkennbar war, dass zuvor schon jemand gelebt hatte, dass dort einmal eine klösterliche Kolonie war. (In diesen Höhlen an den Hängen dieses Tales lebten nämlich bereits vor einigen hundert Jahren – im fünften und sechsten Jahrhundert – griechische Mönche.) Für die zukünftigen ersten Karmeliten war dieser Ort besonders. Trotz des Einflusses des Islam war dieser Ort weiterhin mit dem Propheten Elias und dem Propheten Elisa verbunden. Und der Brunnen, der dort die Wasserquelle war, wurde schon seit vor der Ankunft der Muslime „Elias-Brunnen“ genannt und eine der Höhlen wurde „Elisas Wohnung“ genannt. Also hatte dieser Ort eine sehr starke Ausstrahlung und große Anziehungskraft, abgesehen davon, dass er auch auf natürliche Weise schön war – auch von der Landschaft her.
In diesem Tal ließ sich um das Jahr 1190 oder 1200 eine Gruppe von Männern nieder, die dort als Gemeinschaft zu leben begann. Und diese Männer schufen sich hier eine Lebensweise, mit der sie fortfahren wollten, und so wandten sie sich an den Bischof, unter dessen Autorität sie standen, und baten ihn, „Regeln für das Leben zu schreiben“. Auch wir sagen: „Was geschrieben steht, das gilt“, und ihnen ging es darum, dass er ihnen zusammenfasste, an was sie sich in ihrer Lebensweise auf dem Berg Karmel halten sollten, oder ihre bisherige Praxis ergänzte und anpasste.
Es ist erwähnenswert, dass dieser Bischof – der heilige Albert von Jerusalem – ein sehr fähiger Mann war, der mit solchen Dingen Erfahrung hatte und sogar zuvor als päpstlicher Berater darin tätig war. Außerdem wissen wir mit Sicherheit, dass er selbst eine Weile auch in einer Gemeinschaft in Italien lebte und dass er im Auftrag des Papstes für einige Ordensgemeinschaften ähnliche „Regeln für das Leben“ geschrieben hat.
Als die Brüder also mit ihrem Anliegen an ihn herantraten, war das für ihn keineswegs eine neue Aufgabe, mit der er überhaupt nicht wusste, was er tun sollte. Er antwortete also auf ihre Bitte und verfasste einen Text, nach dem sich die Karmeliten bis heute richten und den wir daher auch „Albertische Regel“ nennen. Dieser heilige Albert war Bischof von Jerusalem (vergessen wir nicht: das alles spielte im Heiligen Land), allerdings nur vom Namen her. Jerusalem war damals nicht von Christen beherrscht, sondern war in der Hand der Sarazenen. Albert wurde in Bezug auf den Titel Bischof von Jerusalem ernannt, auch wenn er außerhalb dieser Stadt amtieren musste.
Dieser heilige Albert verfasste also für die Brüder kurze „Regeln für das Leben“, oder zur Vereinfachung sagen wir gleich: Regel. (Bevor diese Regeln die offizielle Anerkennung als Regel erlangten – mit einer ähnlichen Ernsthaftigkeit, wie sie die Regel des heiligen Benedikt oder des heiligen Augustinus genoss – mussten die Karmeliten noch Jahrzehnte lang darum kämpfen, aber wir wollen uns jetzt nicht mit diesen historischen Details aufhalten.) Diese Regel hielten die Brüder dann weiterhin ein. Die Gemeinschaft wuchs so sehr, dass sie neue Häuser gründeten – zunächst im Heiligen Land und dann sogar über das Meer – zuerst auf Zypern, dann in Sizilien, im Süden Frankreichs bei Marseille und in England. Da die Karmeliten von dem Heiligen Land auf dem Seeweg reisten, befanden sich die ersten neuen Klöster auf den Mittelmeerinseln und an der Südküste Europas und (als die Schiffe Spanien umsegelten) auch in England. Etwas später ließen sich die Karmeliten auch in Deutschland nieder.
Die erste Generalkapitulation – das bedeutet: die Versammlung der Oberen aller karmelitischen Ordenshäuser, fand in England an einem Ort statt, den vielleicht einige von Ihnen selbst besucht haben. Auch heute lebt dort eine Gemeinschaft von Karmeliten, es ist ein schönes Wallfahrtsort in Kent und heißt Aylesford. In diesem Aylesford fand 1247 die Generalkapitulation statt, die zwei Brüder beauftragte, nach Rom zu gehen und sich an den damaligen Papst zu wenden, um die Regel erneut zu bestätigen. Also um offiziell zu erklären, dass diese Regeln korrekt sind und dass er als Papst damit die karmelitische Gemeinschaft genehmigt. Papst Innozenz IV. tat dies noch im selben Jahr, und so gewann die Albertische Regel an größerer Bedeutung. Sie wurde nicht nur von dem Bischof, sondern auch von dem damaligen Papst, der höchsten Autorität in der Kirche, bestätigt. (Auch frühere Päpste hatten sie genehmigt, aber es war damals üblich, dass man um eine derartige Bestätigung und Genehmigung wiederholt bat.) Und gerade diese Genehmigung im Jahr 1247 war auch deshalb sehr wichtig, weil Papst Innozenz IV. die ursprüngliche Albertische Regel auf Anfrage der Brüder in einigen Punkten veränderte und sie den Karmeliten zur Einhaltung vorlegte.
Diese kurze Zusammenfassung der Geschichte bringe ich an, damit wir verstehen, warum die karmelitische Regel auch als „Albertische Regel“ oder „Innozenzregel“ bezeichnet wird.
Jetzt richten wir uns auf den eigentlichen Inhalt des Textes. Die Regel beginnt direkt mit dem Namen des Bischofs, der sie verfasst hat. Er stellt sich zuerst vor und fügt dann den Gruß hinzu: „Albert, durch Gottes Gnade berufen zum Patriarchen der Kirche von Jerusalem, an die geliebten Söhne in Christus (...), die am Wasserlauf auf dem Berg Karmel wohnen: Gruß im Herrn und den Segen des Heiligen Geistes.“ Und das ist der erste Punkt, den ich in unserer Regel hervorheben möchte: Bischof Albert wünscht den Karmeliten Gruß und Segen. Darin ist doch offensichtlich, dass unser ganzes christliches Leben Teilhaber an der Erlösung ist, daran, dass Gott uns Beachtung schenkt, daran, dass Gott uns mit seiner Liebe beschenkt und dass unser Leben dadurch erblüht. Durch den Glauben an den Herrn Jesus erleben wir Befreiung, Heilung, Erfüllung mit Licht, Kraft – oder wie auch immer man es noch ausdrücken mag. (Mit diesen Bildern spricht die Heilige Schrift darüber.) Also dies ist der grundlegende Plan Gottes mit uns: unsere Erlösung, Segen. Dass das Gute in unser Leben tritt.
Ich möchte zu diesen Gedanken eine Bemerkung hinzufügen, die sehr kritisch ist. Auch unsere Teilhabe an der Familie Karmel, im dritten Orden, ist eine Gabe Gottes, sie kommt nicht von uns. Leider geschah es manchmal und kann auch heute noch geschehen, dass wir unser Platz und unser Engagement in der Kirche und im Karmel als unser Prestige begreifen. Dass wir damit prahlen oder stolz darauf sind, so blind, als ob es „unser“ wäre. Und ich möchte in diesem Zusammenhang betonen: wenn unser Leben im Karmel Teil der Erlösung ist – dessen, was Gott für uns tut – dann ist es ein Geschenk Gottes. Unser Leben im Karmel ist ein Geschenk Gottes. Dass wir in dieser Kirche sind, dass wir in einer Gemeinschaft leben, die innerlich geeint ist, dass wir den Worten der Regel und dem übrigen Schatz der karmelitischen Tradition zuhören und sie bis tief in unser Herz lassen wollen – das ist nicht unser Werk! Es ist ein Geschenk, das wir empfangen haben. Wenn Jesus von der Erlösung spricht, verkündet er die Seligpreisungen. Bei all dem, was wir empfangen haben, sind wir Christen wirklich Menschen, die bis zu einem gewissen Grad immer noch nicht haben, was sie haben könnten (wir sind arm), wir sind Menschen, die sich nicht gewaltsam durchsetzen (sanftmütig), wir sind Menschen, die weinen, die nach Gerechtigkeit streben und dafür manchmal „einen Dämpfer“ erhalten, wir sind Menschen, die in den Augen der Welt so „dumm“ sind, dass sie barmherzig sind... Aber genau dazu führt uns Jesus, dass wir auf diese Weise an der Erlösung teilhaben! Nicht als diejenigen, die „froh“ und stolz auf sich sind. Wenn Albert uns also wünscht: „Gruß und Segen“, empfangen wir das so – im Geist der Seligpreisung. Er sagt uns das nicht, um uns zu erheben, sondern damit wir uns auf Christus konzentrieren, von dem unser Glaube kommt (Heb 12,2). Und damit wir durch das, was uns gegeben ist, aber auch durch Mangel, Verfolgung und mühsame Dienste Jesus ins Vollmaß seines Königreichs folgen.