Vater Marie-Eugène von dem Kind Jesus (Grialou), OCD
In unserem zwanzigsten Jahrhundert denken kontemplative Menschen oft mit einer gewissen Melancholie an die Zeiten, als die heilige Teresa (gemächlich im Pferdewagen) über die öden Ebenen Spaniens reiste, in einem Wagen, der als karmelitanische Zelle umgebaut war. Und sie fühlte immer noch das Bedürfnis, mehr Stunden zur Besinnung zu haben, und bat ihre Begleiter, sie zu respektieren. Wir leben in einem fieberhaften Wandel und Aktivität. Das Problem besteht nicht nur in der Organisation des modernen Lebens, in der Eile, die unserem Handeln aufgezwungen wird, in der Schnelligkeit und Bequemlichkeit unseres Reisens. Ein tieferes Problem liegt in der Hektik und Nervosität der heutigen Menschen. Sie sind nicht mehr in der Lage, zu warten oder zu schweigen. Und doch suchen sie nach Stille und Einsamkeit. Sie verlassen das familiäre Umfeld, um neue Horizonte und eine andere Atmosphäre zu suchen. Aber am häufigsten geschieht dies nur, um sich durch neue Eindrücke abzulenken.
Wie die Zeiten sich auch ändern, bleibt Gott derselbe, Tu autem idem Ipse es (Ps 102,28), sein Wort wird weiterhin im Schweigen ausgesprochen – und im Schweigen muss auch die Seele es annehmen. Das „Gesetz“ des Schweigens gilt für uns genauso wie für die heilige Teresa. Die Hektik und Nervosität des modernen Temperaments macht dieses Gesetz umso dringlicher und zwingt uns zu einem energischeren Streben, um es zu respektieren und uns ihm zu unterwerfen.
Gestalten des Schweigens
Es gibt das äußere Schweigen der Sprache und natürlichen Tätigkeiten sowie das Schweigen der inneren Kräfte der Seele. Jede dieser Formen hat ihre eigenen Regeln, die so unterschiedlich sind, dass wir sie getrennt untersuchen müssen.
1. Das Schweigen der Sprache
Im allgemeinen Gespräch bedeutet Schweigen, nicht zu sprechen. Das zeigt die Wichtigkeit der Zügelung der Sprache für das Schweigen.
Man könnte sagen, dass die Sprache gleichzeitig das Beste und das Schlechteste ist. Sie bewirkt unvergleichlich viel Gutes, ist aber auch die Quelle des schwersten Übels. Der Apostel Jakobus macht dies in seinem Brief deutlich (Jak 3,2–9):
Denn wir alle irren oft. Wenn jemand im Wort nicht irrt, der ist ein vollkommener Mensch, fähig, auch den ganzen Leib zu zügeln. Wenn wir den Pferden Zaum ins Maul legen, damit sie uns gehorchen, zügeln wir auch ihr ganzes Wesen. Seht, wie klein das Steuer ist, das die großen Schiffe leitet, obwohl sie von gewaltigen Winden getrieben werden; so werden sie gelenkt, wohin der Steuermann will. So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rühmt sich großer Dinge. Seht, wie ein kleines Feuer, wie viel Holz es entzünden kann! Auch die Zunge ist ein Feuer. (...) Alle Tierarten, Vögel, Reptilien und Meereshybriden können gezähmt und sind gezähmt von Menschen; aber der Zunge kann kein Mensch zähmen. (...) Mit ihr loben wir Gott den Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die nach dem Bilde Gottes geschaffen sind.
Das ist eine treffende Anklage gegen die Sprache. Es ist zwar nicht notwendig, die Schwere der Sünden, auf die der Apostel Jakobus in Bezug auf die Sprache hinweist, zu betonen, da die der Gebet hingegebene Seelen in dieser Hinsicht bereits geschult oder zumindest ausreichend gewarnt sind. Aber trotzdem, wie wertvoll und passend ist eine solche Lehre über die Bedeutung und Schwierigkeit der Zügelung der Sprache für uns und führt direkt zu unserem Thema!
Sprache vermittelt, daher äußert sie nach außen die Gedanken und Gefühle, also das, was die Seele am innigsten und persönlichsten hat.
Kommunikation kann für beide Seiten bereichernd sein. Bei dem, der sich mitteilt, entfaltet sich die Liebe, die er gibt, erlangt Kraft und Freude. Im Gegensatz dazu bereichert sich der, der die Mitteilung empfängt, durch Lehre und alles, was die Liebe bei ihrer Mitteilung gibt. Die Mitteilung durch Worte ist die Grundlage gesellschaftlicher Beziehungen, aller Erziehung, des Fortschritts in allen Bereichen, einschließlich des Wachstums im Glauben. „Der Glaube kommt aus der Predigt,“ sagt der Apostel Paulus (Röm 10,17). „Wie können sie aber ohne den, der predigt, glauben?“ (Röm 10,14.)
Doch Übermaß schadet. Um beim Sprechen das richtige Maß zu wahren, ist die Zügelung der Sprache notwendig.
Das Wort, das nach außen geht, entblößt die Tiefen der Seele. Die Tiefe verschwindet für einen Moment, ihr Halbdunkel und Schweigen werden zerstreut. Unserem Gott, der in die Tiefen der Seele geflohen ist und in diesem Dämmerlicht und Schweigen sein schaffendes Werk des göttlichen Lebens vollbringt, scheint dieses Ausdrücken hinderlich zu sein.
Ebenso kann eine von außen kommende Mitteilung, die eigentlich bereichern sollte, manchmal nur das Schweigen der Seele und das göttliche Wirken darin stören. Es bringt ablenkende Belanglosigkeiten, Gegenstände der Versuchung, kurzweg Ursachen von Lärm, die die Schwierigkeit des Sich-Zurückziehens vergrößern und das göttliche Wirken in der Seele lähmen können.
Vor dem Schaden, den Gespräche anrichten, kann eine bestimmte Empfindung der Seele warnen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Die heilige Teresa vom Kind Jesus gesteht, dass sie lange Zeit bedrückt war, weil sie das Geheimnis der Schönheit und des Lächelns der Jungfrau Maria, zu der sie gehörte, entglitten ließ. Wer hat nicht manchmal das Gefühl gespürt, dass der Duft des innersten Gebets oder der eucharistischen Berührung in einem fruchtlosen Gespräch entglitten ist? Diese Erfahrungen mahnen uns an den Schaden, der in solchen Fällen gewöhnlich entsteht, auch wenn wir ihn nicht wahrnehmen.
Daher ist Geschwätzigkeit, diese Neigung, alle Schätze der Seele durch Mitteilungen zu offenbaren, für das geistliche Leben äußerst schädlich. Sie geht genau in die entgegengesetzte Richtung des geistlichen Lebens. Dieses vertieft sich unentwegt, um sich Gott zu nähern. Hingegen führt das Bedürfnis, über alles zu sprechen, den geschwätzigen Menschen nach außen und er entfernt sich dadurch notwendigerweise von Gott und von aller tiefen Tätigkeit. Sein ganzes inneres Leben gelangt an die Lippen und fließt in Strömen von Worten ab, die (zunehmend ärmliche) Früchte seines Geistes und seiner Seele mit sich nehmen. Der geschwätzige Mensch hat keine Zeit und bald auch keinen Wunsch mehr, still zu werden, zu denken oder tief zu leben. Durch die Unruhe, die er um sich erzeugt, hindert er andere an fruchtbarer Arbeit oder fruchtvollem Rückzug. Der geschwätzige Mensch ist aufgrund seiner Oberflächlichkeit und Fruchtlosigkeit in der Tat gefährlich.
Unter Geschwätzigkeit sind jedoch nicht Gespräche zu verstehen, auch wenn sie länger sind, die einem Menschen durch seine standesgemäße Pflicht und gut geordnete Liebe auferlegt werden. Viele wirklich kontemplative Menschen waren gleichzeitig sehr in die Angelegenheiten der Welt verwickelt oder waren fruchtbare Schriftsteller, wie der heilige Vincent Ferrer, der heilige Bernhard von Siena, der heilige Franz von Sales oder die heilige Teresa selbst und der heilige Johannes vom Kreuz. Durch diese notwendige und liebevolle Mitteilung wird der geistliche Mensch mit dem Willen Gottes verbunden und wird freudig überrascht sein, dass, wenn er wieder in die Tiefen seiner Seele eintritt, er dort dem wachen Heiligen Geist begegnet, der ihn bereits erwartet, um seine Rückkehr zu feiern.
Anders verhält es sich jedoch bei geistlichen Gesprächen, beim Offenbaren unseres vertrauten Lebens mit Gott, die Gefahr der Geschwätzigkeit droht immer. Sicher: sich über unsere Dispositionen und empfangenen Gnaden zu informieren, ist manchmal eine Pflicht; üblicherweise ist es auch das einzige Mittel, um sie zur Kontrolle durch die geistliche Leitung vorzulegen und von ihr Unterricht und Hilfe zu erhalten. Dank der Aufzeichnungen können sie präzisiert werden; manchmal erkennen wir dadurch ihren Reichtum und können sie uns in weniger hellen Zeiten (dank dessen) ins Gedächtnis rufen. Trotzdem besagt die strenge Regel des Karmels, auch wenn sie den Nutzen und die Notwendigkeit des Mitteilens nicht übersieht, im Sinne des Jesaja: „In Schweigen und Hoffnung wird eure Kraft sein“ (Jes 30,15): im Schweigen, das die Kräfte der Seele unversehrt und rein bewahrt und sie vor Zersplitterung schützt; in der Hoffnung, die sich auf Gott ausrichtet und in ihm Licht und Halt sucht. Lange geistliche Ausbrüche zerstreuen nämlich und schwächen somit die empfangenen Einsichten und Kräfte. Wenn wir lange sprechen, verschwenden wir und die Seele wird leer. Wenn die Seele Gott von aufgewühlten Gefühlen aus dem brennenden Empfang erzählt, entzieht sie sich der Kraft für das Handeln: sämtliche Kraft, die von Gott empfangen wurde, geht in diesem süßen Fluss der Worte verloren.
Mäßigung sollte auch im Schreiben herrschen (für eigenen Bedarf und für den geistlichen Führer). Unsere Aufzeichnungen sollten weder zu häufig noch zu umfangreich sein. Sind nicht die Erörterungen und klarere Bewusstmachungen der Dinge, die sich daraus ergeben, oft mehr schädlich als nützlich? Denn beim Schreiben beschäftigen wir uns mit uns selbst und halten somit auf unserem Weg zu Gott inne. Zudem droht, dass das Beurteilen den Stolz und die geistliche Schwelgerei nährt, denen Anfänger kaum entkommen können. Jeder muss sehen, ob seine Aufzeichnungen nicht in erster Linie schmeichelnden Spiegeln bestehen, in denen sich die Seele erfreut betrachtet, und ob er die Gaben Gottes nicht besser nutzen würde, indem er sie im Halbdunkel oder der Vergessenheit hinter sich lässt und direkt zu Gott selbst geht.
Cultus justitiae silentium est, Schweigen ist das Streben nach Gerechtigkeit (Jes 32,17, zitiert in der Regel, Kap. 16): Schweigen ist gleichzeitig ein Produkt und eine Anforderung der Heiligkeit. Daher warnt die heilige Teresa an vielen Stellen die Anfänger vor der Gefahr, der sie durch ihren Wunsch, zu verkünden, ausgesetzt sind (Leben, Kap. XIII und XIX). Um zu geben, ohne sich zu erschöpfen, müssen sie warten, bis sie ihre Kräfte durch die habituelle Vereinigung beständig an der Quelle Gottes erneuern können.
„Ich möchte kein geistlicher Schwätzer sein,“ schreibt Elisabeth Leseurova. „Ich möchte diese große Seelenruhe bewahren... Nur das geben, was andere mit Nutzen empfangen können, und das übrige in den Tiefen bewahren, wie die Seele ihren Schatz bewahrt, aber mit der Absicht, ihn zu geben, wenn die Stunde kommt.“ Die heilige Teresa von Avila und die heilige Teresa vom Kind Jesus geben alle Schätze ihrer Seele in unsterblichen Schriften preis, aber auf Geheiß der Vorsteher und erst in dem Moment, in dem die überquellende Fülle ihrer Liebe nur durch vollständige Selbsthingabe bereichert werden kann.
Die Askese des Schweigens ist so wichtig, dass die klösterlichen Regeln ihre konkreten Weisen für jeden Orden genau ausgearbeitet haben. Der Karmel hat von seinen Wüstenvätern die sogenannte große Stille bewahrt. Diese dauert von der Komplet bis zur Prima1 des folgenden Tages – und in den Nachtstunden, die der tiefen Gebetshaltung förderlicher sind, macht sie das Kloster zur Wüste. Tagsüber bewahrt der Karmel relative Stille, da die Regel alle sinnlosen Worte verbietet.
Doch damit das Schweigen nicht zu einer Anspannung wird, muss es von einer Erholung unterbrochen werden. Auch die Erholung, oder Rekreation, gehört zur Askese des Schweigens. Nach der heiligen Teresa ist sie eines der wichtigsten und sensibelsten Elemente. Denn bevor sie das erste Kloster der barfüßigen Brüder in Durvel gründete, nahm die Heilige den jungen Vater Johannes vom Kreuz mit, um das Kloster der Schwestern in Valladolid zu gründen, nicht um ihn geistlich zu unterweisen oder seine Tugend auszuprobieren (die hielt sie für heldenhaft), sondern um ihm zu zeigen, wie Karmelitinnen leben und vor allem, wie ihre Rekreation aussieht. Tereziensische Rekreationen! Manchmal war die Heilige dabei zu sehen, wie sie mit Kastagnetten oder einer Trommel ihren Chor von Töchtern fröhlich dirigierte oder streng die übertreibende Frömmigkeit einer Schwester tadelte, die beim Fest lieber dem Gebet vor der Rekreation den Vorzug geben wollte? Auch ist es überliefert, dass die Heilige eines Tages im Jahr 1571, als die junge Novizin Isabella von Jesus ein Lied sang:
„Oh, dich mit eigenen Augen zu sehen,
mein süßer und guter Jesus!
Oh, dich mit eigenen Augen zu sehen,
und sofort zu sterben!“
fiel die Heilige in Ekstase und starb daher, weil sie nicht starb.
Während der Rekreationen sprachen die Schwestern manchmal auch darüber, wie bewundernswert schön Terezas Nichte Teresita sei, oder sie sprachen über das Unglück der französischen Kirche, die vom Protestantismus verwüstet wurde, oder über die armen Seelen der Menschen in Westindien. In diesen Rekreationen wurde immer das gesamte Leben der Seele der Heiligen sichtbar und alle Gaben ihrer Töchter offenbar. Wenn die Seelen so zu Gottes Füßen entspannten, übernahmen sie, ausgeruht und erholt, erneut das schwere Joch der Regel und fanden im Schweigen ihres Klosters die süße Gemeinschaft ihres Geliebten wieder.
(Auszug aus dem laufenden Übersetzung des Buches „Ich will Gott sehen“
redigiert von Eva Jelínková.)