Hinweise zur karmelitischen Regel (Teil 12)

(Laut P. Keese Waaijmana, O.Carm.)

Petitio (Anforderung) (Kap. 22–23)

Bereits früher haben wir einen Vergleich angeführt, den Albert Zeitgenossen bezüglich der richtigen Struktur eines Briefes verwendet hat: Er ist wie der Bau eines Hauses. Sein Fundament wird durch den Ausgangspunkt gelegt (in unserer Regel sind dies die Kapitel 2–3), die Ausführung (der eigentliche Inhalt des Briefes) kann mit den vier Wänden des Hauses verglichen werden (in der Regel umfasst dies die Artikel 4–21).1 Auf das Dach, das das gesamte Gebäude krönt, wird dann die Anforderung (petitio) bezogen. Denn wie ein Haus ist auch ein Brief ein einheitliches „architektonisches“ Werk, ein Ganzes.

In anderen Begriffen ausgedrückt: der Ausgangspunkt enthält eine allgemeine Aussage (maior), die Ausführung konzentriert sich auf eine bestimmte Angelegenheit (minor) und die Anforderung formuliert den Schluss (conclusio).2 In unserer Regel: alle Ordensmitglieder müssen Christus nachfolgen (Ausgangspunkt, maior), die Lebensweise der Karmeliten ist eine der Formen des Ordenslebens (Ausführung, minor), deshalb müssen Karmeliten in den Fußstapfen Jesu gehen (Anforderung, Schluss).

Der Prior stellt den Messias gegenwärtig

Wenn Albert schreibt: „Du aber, Bruder B., und wer auch immer nach dir als Prior eingesetzt wird...“, ist daraus klar ersichtlich, dass er der Rolle des Priors eine lange Zukunft zuschreibt. Die Nachfolge der Priore soll niemals enden.

Der Prior bringt in seinem Amt den kommenden Messias (eschatologische Perspektive) in dem Maße präsent, wie er sich von den gewöhnlichen Machtpraktiken entfernt und sich dem dienenden Christus nähert.3 „Denkt immer daran und haltet durch eure Taten fest...“ – Hier fordert Albert den Prior und seine Nachfolger auf, das genannte Wort Jesu über den Dienst auf der Ebene des Denkens, des Wissens im Herzen anzunehmen, aber gleichzeitig verlangt er von ihnen, sich in der Verwirklichung dieses Gebots zu üben. Es ist dasselbe, wie wenn er gleich zu Beginn (Kap. 4) die Karmeliten aufforderte, dem Prior Gehorsam zu versprechen und sich auch zu bemühen, diesen „tatsächlich“ zu halten. Der Prior wird aus der Mitte der Brüder zur Dienstleistung für alle gewählt. Damit ähnelt er dem Menschensohn. Alberts Regel konzentriert sich auf Christus (sie ist christologisch), aber so, dass die institutionelle Form der Gemeinschaft damit vollkommen übereinstimmt.

Christus im Prior sehen

Auch die anderen Brüder haben die Möglichkeit, dazu beizutragen, dass der Prior in der Gemeinschaft in der Person Christi dient. Sie sollten versuchen, Christus im Prior zu sehen.

Auch hier geht es um zwei Ebenen: Erkennen und Praktizieren. Das Erkennen darf nicht beim Äußeren, auf der institutionellen Seite der Gemeinschaft stehen bleiben. Das würde geschehen, wenn die Brüder nur die Person des Priors sehen (diese Person mit ihren Vor- und Nachteilen) und dass sie ihn selbst gewählt haben. Dann wäre lediglich das Arbeitsziel (skopós) erreicht: nach außen hin wären sie gehorsam, aber sie hätten das endgültige Ziel (télos) nicht erreicht, sie wären nicht empfänglich für das Nachdenken über Christus, der – so sagt ihnen der Text der Regel – diesen Menschen „über eure Köpfe gesetzt hat.“ Diese Wendung ist ein Zitat aus Ps 66,12 und bedeutet, dass die Gemeinschaft über sich die religiöse Autorität anerkennt und dass es sich um eine religiöse Gemeinschaft handelt.4 Der Bruder, der das Haupt der Gemeinschaft bildet, bringt das Eine, das Haupt der Kirche und der ganzen Schöpfung (Eph 1,10; Kol 1,18) gegenwärtig. Der Prior symbolisiert Christus. Er ist das Zentrum der Gemeinschaft, in ihm verwirklichen sich Versöhnung, Vergebung, Einheit unter den Brüdern. Der Prior ist dessen Zeichen. Der Prior ist die Sichtbarmachung der Einheit, die die Gemeinschaft bei seiner Wahl geschaffen hat, darüber hinaus auch die Einheit, die Christus unter den Menschen stiftet.

Das Praktizieren dieser Gedanken besteht in der Ehrfurcht, die die Brüder dem Prior entgegenbringen. Wenn die Regel ihnen auferlegt, ihm zuzuhören, bedeutet das, dass sie im Prior tatsächlich Christus anerkennen sollen. Hier werden die Worte der Schrift zitiert (Lk 10,1–6), in denen Jesus den Jüngern sagt, dass die, die ihre Botschaft in Städten und Dörfern ablehnen, nicht nur sie, sondern dass diese Ablehnung viel schwerwiegendere Folgen hat. Die Karmeliten hören im Prior, den sie gewählt haben, jemandem Größerem: Christus, der durch ihn zu ihnen spricht. Das ist das endgültige Ziel (télos) der Wahl des Priors. Das heißt: skopós der Wahl des Priors besteht darin, dass die Gemeinschaft durch die Ausübung des dem Prior anvertrauten Amtes strukturiert wird; télos besteht darin, dass die Karmeliten im Prior jemanden Größeren hören können, als den sie gewählt haben, nämlich Christus.

Für den heiligen Albert ist dieses Fokussieren auf den Messias nichts Unverbindliches. Der Gehorsam gegenüber Christus im Prior ist entscheidend für das letzte Gericht: „damit ihr wegen Verachtung nicht vor Gericht kommt, sondern euch durch Gehorsam die Belohnung des ewigen Lebens erarbeitet.“ Derjenige, der regiert, indem er dient, und die, die ihm wie Christus gehorchen, gehen den Weg Jesu bis zum Ende. Das ewige Leben und das Gottesreich, das wir in Fülle erst erwarten, wenn das „Ende der Zeiten“ kommt, wird bereits vor diesem Ende verwirklicht: hier und jetzt.

Zusammenhang

In einem schlecht verfassten Brief stehen Ausgangspunkt und Ausführung in zu wenig Beziehung zueinander. Bei einer schlechten Argumentation ist der gezogene Schluss nur starr aus den Annahmen abgeleitet. Im Gegenteil ist in einem gelungenen Brief eine kreative Konfrontation zwischen Ausgangspunkt und Ausführung vorhanden, und daraus ergibt sich die Anforderung.

Albert hat seinen Brief an die Karmeliten sehr gut aufgebaut: Die Anforderung ergibt sich innerlich aus dem Ausgangspunkt und der Ausführung. Im anregenden Spannungsfeld zwischen Ausgangspunkt und Ausführung wächst das Bewusstsein dessen, was wichtig ist – und das äußert die Anforderung.
Die von Albert ausgedrückte Anforderung (petitio) ergibt sich innerlich aus dem Ausgangspunkt (das gesamte Ordens- und geistliche Leben beruht immer auf dem Gehorsam gegenüber Christus und dem Dienst an ihm) und aus der Ausführung (welche Lebensweise haben die Karmeliten). Wer beides auf kreative Weise miteinander verbindet, sieht plötzlich, dass die (beschriebene) karmelitische Lebensweise ein Dienst an dem Messias ist.

Um diesen kreativen Weg des Verstehens seiner Regel und den Prozess dieses Wissens aufzuzeigen, wählt Albert als Beispiel den Gehorsam, mit dem er die Ausführung (narratio) seines Briefes begann. Lassen Sie uns die einzelnen Schichten detailliert betrachten,5 die schließlich in die von Albert festgelegte Anforderung einfließen. Das wird uns helfen, an einem konkreten Paradigma – die Rolle des Priors und den Gehorsam der Brüder – zu verdeutlichen, wie dynamisch die Struktur der Anforderung (petitio) der Regel Albert ist.

  1. Die Wahl des Priors wird als allererste Anweisung vorgeschrieben. Durch diese Ernennung wird eine Gemeinschaft aus den Einsiedlern gebildet. Mit jeder weiteren Wahl des Priors wird diese Ernennung fortlaufend aktualisiert. Das ist die Ebene einen Prior zu haben.
  2. In das „einen Prior haben“ müssen sich die Brüder einüben: auf der prinzipiellen Ebene darin, dass sie dem Prior Gehorsam versprechen; auf der praktischen Ebene darin, dass sie dieses Versprechen einhalten.
  3. Der Dienst des Priors und der Gehorsam ihm gegenüber eröffnen den Zugang zur Gottesrüstung. Nach den Worten der Anforderung (Kap. 22-23) haben der Prior und seine Nachfolger „im Auge zu behalten“ und „durch ihre Taten zu bewahren“ das Wort des Herrn im Evangelium: Wer führt, der möge sich demütigen. Ähnlich haben auch die Brüder bei ihrer Ehrfurcht vor dem Prior an die Worte Christi zu denken: Wer dem Diener des Herrn zuhört, hört den Herrn. Und so werden der Prior und die Brüder in die Gottesrüstung gehüllt, weil sie die Anforderung erfüllen: „Und was immer ihr tut, möge nach dem Wort des Herrn geschehen...“ (Kap. 19).
  4. Das prophetisch-eschatologische Motiv – wie ein immer tiefere Bewahrung der Kontemplation – wird bereits in den ersten Worten der Anforderung (petitio) deutlich: „Wer auch immer nach dir kommen wird...“ Diese Worte eröffnen einen Ausblick in eine unbegrenzte Zukunft. Darüber hinaus stammen die Zitate aus dem Evangelium, die Albert verwendet hat, aus der sogenannten eschatologischen Rede Jesu. Am wichtigsten ist jedoch das prophetisch-eschatologische Motiv der gesamten Anforderung: die Neubewertung alles im Zusammenhang mit dem Kommen des Messias (der Größte wird der Diener sein, der Erste der Sklave), das letzte Gericht und die Belohnung des ewigen Lebens. Indem die Brüder dem Wort im Prior lauschen (der bemüht ist, Christus treu zu sein), begegnet ihnen der Herr der Endzeit. Diese Form des Führens und des Zuhörens überträgt uns über die Grenze des gegenwärtigen zeitlichen Lebens, für das das Streben nach Macht und Gier nach Herrschaft charakteristisch ist.
  5. Der Kern der von Albert geäußerten Anforderung ist, dass in ihr die Ausführung auf kreative Weise auf den Ausgangspunkt bezogen wird. Indem der heilige Albert am Beispiel des Gehorsams auf kreative Weise Ausgangspunkt und Ausführung miteinander in Beziehung setzt, zeigt er, wozu die Regel tendiert, worum es in diesem Brief geht, was verlangt wird.

Literarisch könnte es scheinen, dass die Anforderung eine Inklusion (Schluss) zum Kapitel über die Ernennung des Priors (Kap. 4) darstellt. Die gleichen Worte wiederholen sich. Doch wie bereits gesagt, verbindet die Anforderung das allgemeine Prinzip, das im Ausgangspunkt ausgesprochen wird, mit den konkreten Anweisungen der Ausführung. Und gerade die Wiederholung der gleichen Worte zeigt eine Bedeutungsverschiebung! Während die Ausführung (Kap. 4) die Brüder zur Gehorsam gegenüber dem gewählten Prior verpflichtet, verlangt die Anforderung (Kap. 22) vom Prior, sich bei der Ausübung des ihm anvertrauten Amtes nach dem Wort des Herrn zu richten. Albert kehrt sich also in der Anforderung zurück zum Gehorsam, von dem er in der Ausführung gesprochen hat, tut dies aber im Licht des Ausgangspunktes des Briefes und damit mit neuer Bedeutung. Es handelt sich also nicht um eine Inklusion, sondern eher um eine „Vorspiel“. So wie die Kapitel über die Arbeit und das Schweigen (Kap. 20–21) inhaltlich zwar einen Schluss zu den Kapiteln darstellen, in denen die Brüder sich üben sollen (Kap. 4–17), aber aus geistlicher Sicht darauf abzielen, die ständige Vertiefung über das prophetisch-eschatologische Verständnis des Lebens zu fördern, so ist auch die Anforderung inhaltlich zwar ein Schluss zu Kapitel 4 der Regel, aber aus geistlicher Sicht gilt: Die von Albert geäußerte Anforderung ist eine Einladung, das gesamte vorgeschlagene Lebensmodell (in Kap. 4–21) neu und in Beziehung zu Christus zu begreifen:6

Ausgangspunkt Kap. 1–3 in Gehorsam dem Messias dienen 2003/2
Ausführung 4–9 (1. Element) Grundausstattung der Karmeliten 03/3; 03/47
10–11 (2. Element) grundlegende Übungen 04/1
12–17 Arbeitsziel: Reinheit des Herzens
Sinn ist es, Empfänglichkeit für Gott zu gewinnen: das endgültige Ziel
04/2; 04/3
18–19 (3. Element) Bekleidung mit göttlichen Eigenschaften
das endgültige Ziel des mystischen Prozesses der Wandlung
04/4;
05/1; 05/2
20–21 (4. Element) im Schweigen arbeiten mit dem Bewusstsein des Endes der Zeiten als ständige Vertiefung
Kontemplation
05/4; 06/2
Anforderung 22–23 sich der Ankunft des Messias wirklich bewusst sein 07/1

Albert sprach seine Anforderung (petitio) nur am Beispiel des Gehorsams aus. Die anderen Anordnungen, die er in der Regel den Brüdern vorschreibt, entwickelt er so nicht weiter. Das überlässt er den Brüdern selbst. Doch das angeführte Beispiel ist eine ausreichende Anleitung, um das andere zu durchdenken.

Wir könnten sagen: Die Anforderung ist ein Anreiz für die Brüder, das gesamte karmelitische Lebensmodell als Ikone Christi zu betrachten. Petitio fordert dazu auf, über Christus nachzudenken: auf der Grundlage der vorgestellten Lebensweise Christus zu suchen. Und mit den Augen Christi auf die karmelitische Lebensweise zu schauen. Die Anforderung führt uns dazu, den Weg der Suche zu beschreiten: zu lernen, den karmelitischen Lebensstil als Heil, als Heilung (salutatio) im Herrn zu leben. So dass wir immer mehr erfahren, was es bedeutet, „in Christus geliebte Kinder Gottes“ zu sein.

Nach den Notizen von Schwester Petra von der Auferstehung, OCD,
bearbeitet von P. Gorazd, O.Carm.


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