Hinweise zur karmelitischen Regel (Teil 8)

(Laut P. Keese Waaijmana, O.Carm.)

Sechs Bestandteile der göttlichen Rüstung

Albert geht bei der Aufzählung der göttlichen Rüstung selbstständig vor. Im Gegensatz zum Brief an die Epheser lässt er die Schuhe weg (Eph 6,15). Eigenständig fügt er den Schutz der Brust mit einer Tunika ein, wahrscheinlich weil er in seinem Text so großen Wert auf die Reinheit des Herzens legt. Im Vergleich zu Kassian nennt er zusätzlich den Gürtel (das Band) und die Tunika. Darüber hinaus begründet er die Rüstung anders. Auffällig ist, dass die Regel die oben beschriebene Umgestaltung konsequent verfolgt – jedes Element der Waffe hat seinen Ursprung in Gott und jedes ist auf bestimmtes Verhalten ausgerichtet. Für alle zusammen gilt, dass alle Anordnungen in Latein in Form des Gerundivs angegeben werden (was ins Deutsche unterschiedlich übersetzt wird: „Die Lenden mögen gegürtet sein...; die Brust werde gepanzert..., es ist nötig die Rüstung der Gerechtigkeit anzuziehen..., es ist nötig, das Schild des Glaubens zu ergreifen...). Dies vermittelt eine besondere Atmosphäre, die wir in zwei Elemente zusammenfassen können: 1) Durch die Schilderung dessen, was getan werden muss, wird auf die Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft hingewiesen, und 2) Es ist offensichtlich, dass das, zu dem die Regel jetzt auffordert, müssen wir tun (d.h. es gibt keine andere Wahl). Im Vergleich zu den vorhergehenden Kapiteln werden hier die Anforderungen unbedingter, mit unerbittlicher Ernsthaftigkeit formuliert.

Gürtel der Reinheit

Gürtel

Der Gürtel gehörte im Altertum zu den grundlegenden Bestandteilen der Rüstung. Er bestand aus einem oder meist mehreren Riemen: an einem hing die Scheide für das Messer, am anderen für das Schwert, an einem weiteren Streifen aus Leder, der mit Plättchen beschlagen war, als Schutz für die Lendenpartie des Körpers. Die Riemen verstärkten sich gegenseitig und zusammen bildeten sie den Gürtel. Der Soldat trug den Gürtel ständig; nicht nur im Kampf, sondern auch bei der Arbeit, er gehörte wesentlich zu seiner Identität als Soldat. Sich zu gürten war ein Synonym für den Eintritt in die Armee, während das Ablegen des Gürtels das Fliehen aus der Armee oder das Sich-Übergeben an den Feind bedeutete.

Hl. Albert erwähnt den Gürtel in der Regel nicht nur im allgemeinen Sinn, sondern leitet sich vom Brief an die Epheser ab, wo vom Gürteln „um die Lenden (das Leben nach) der Wahrheit“ die Rede ist. Damit eröffnet sich dreifacher tieferer Blick: Die Lenden sind im Schrifttext der empfindlichste und verletzliche Teil des Körpers, der Gürtel also ist der Schutz. Ferner repräsentieren die Lenden den Bereich der im Körper locker gelagerten Eingeweide, die durch das Gürteln gebunden und somit stabilisiert werden müssen. Nicht nur im Kampf, sondern auch beim Reisen oder bei harter Arbeit. Und die Lenden haben auch mit dem zu tun, was der Mensch innerlich erlebt. Der Gürtel dient also auch zur Ausdrucksweise von Stolz, Eitelkeit und Schönheit. Der Gürtel ist deshalb ein passendes Bild für Reinheit: Gürtel der Reinheit.1

Die Reinheit, die die Regel im Sinne hat, ist die göttliche Reinheit (wie bereits über all diese Rüstung gesagt wurde). Dem Gürtel der göttlichen Reinheit können wir am besten aus zwei alttestamentlichen Texten entnehmen. Der erste wird in Eph 6,14 auch von hl. Paulus zitiert, nämlich der Vers Jes 11,5, wo der Prophet über den Herrn sagt: „Gerechtigkeit wird ein Gürtel um seine Lenden sein und Treue wird ein Gürtel um seine Hüften sein...“ Im Gegensatz zu den heidnischen Gottheiten mit ihrer Wildheit und Willkür bindet sich die göttliche Kraft des Herrn selbst, verbindet sich mit dem Recht und der ewigen inneren Treue. Und man sieht es am Volk Israel, wie dies der zweite Text beschreibt: „Wie der Gürtel an den Lenden des Mannes haftet, so habe ich ganz das Haus Israel und ganz das Haus Juda an mich gebunden, spricht der Herr, damit sie mir ein Volk, ein Name, ein Lob und eine Ehre sein...“ (Jer 13,11 – ökumenische Übersetzung.) Gott kleidet Israel wie einen Gürtel, bindet sich mit ihm wesensmäßig. An Israel offenbart sich also das innere Wesen Gottes. Und der göttliche Plan mit allen Menschen.

Diesen Gürtel der Reinheit gibt uns Gott, wie er einst Königen gegeben wurde. Aus der Spiritualität der königlichen Psalmen wird sichtbar: Der Herr gibt dem König seine Identität, jeden Morgen. In diesen Psalmen erscheinen häufig die Worte „Rettung“ und „rein“. Während des Exils wurde diese Spiritualität „demokratisiert“ und ging in eine messianische Spiritualität über. Jeder Mensch hat Anteil an der Reinheit des Herrn: an dem, wie der Herr das Zerbrechliche schützt, das Ungesicherte verstärkt, reinigt zur vollkommenen Reinheit.

Einen solchen Gürtel der göttlichen Reinheit legen sich die Karmeliten an.

  1. Reinheit schützt das, was in uns verletzlich ist; sie erzeugt in mir eine Haltung, die mich davon abhält, Gewalt gegen das, was in mir und in anderen verletzlich ist (zerbrechlich, arm, unausgeglichen, manipulierbar, schwach) auszuüben. Sie bedeutet Schüchternheit, Ehrfurcht und Zurückhaltung gegenüber Intimität und Verwundbarkeit.
  2. Reinheit bindet das, was ungebunden ist (Unordnung und Zerstreuung, Zorn). Sie führt zu Einkehr und Ordnung, zu Selbstbeherrschung und Mäßigung. Sie hilft mir zu verhindern, dass ich mir selbst verfallen, meinen Leidenschaften nachgeben, mich in meinen Aktivitäten verlieren, durch allerlei Zerstreuung „verwirrt“ werde.
  3. Reinheit reinigt von dem Unwesentlichen (unter das auch unsere verworrenen Gefühle, oberflächliches Verhalten, drängende "Bedürfnisse", unsere Vorurteile, übernommenen Verhaltensweisen, Selbstentfremdung fallen...). Durch das, wie ich mich verhalte, soll letztlich meine eigene Wesensart zum Ausdruck kommen, das, wer ich innerlich wirklich bin.

Der Gürtel der Reinheit ist ein Geschenk Gottes. Das bedeutet nicht, dass er uns vom Himmel fällt. Nur wenn wir uns üben, nehmen wir dieses Geschenk an, gürten uns. Das erfordert Feinheit und Geduld. (Auch in ihnen liegt die Haltung der Reinheit!) Es ist kein Zufall, dass der Gürtel der Reinheit als erstes in der Aufzählung der Rüstung genannt wird. Denn der Reinheit im oben besprochenen Sinne beginnt das geistliche Leben. Der Soldat beginnt mit dem Gürteln seinen militärischen Weg. In der Schrift gürtet sich der Mensch, um sich auf den Weg zu machen (1 Kön 18,46; 2 Kön 4,29; 9,1; Jer 1,17). Und durch die Reinheit betreten wir den Weg der Übung in den Tugenden. Die Reinheit führt uns aus Verwirrung, Ungleichgewicht und Zügellosigkeit zu dem, was wesentlich und fest ist – in uns, in anderen Menschen, in unserem Leben mit Gott.

Tunika der heiligen Gedanken

Tunika

Die Tunika (ein Untergewand, ähnlich einem Hemd) der Männer war (im Gegensatz zur Tunika der Frauen) kürzer, sie reichte etwa bis zu den Knien und wurde gegürtet getragen. Sie hatte keine oder nur sehr kurze Ärmel. Sie schloss eng am Körper an und darüber wurde eventuell ein Mantel und auch eine Rüstung getragen. Sie schützte somit den Körper nicht nur vor Kälte, sondern auch vor der Rauheit der Rüstung. Sie stellt den intimeren Teil der Bekleidung dar und gehört selbst nicht zur Rüstung. Sie umhüllte also den Körper noch unter dem Gürtel und unter der Rüstung.

Hl. Albert schreibt vor: „Die Brust möge gepanzert sein2 durch heilige Gedanken, denn es steht geschrieben: Der heilige Gedanke bewahrt dich.“

Die Brust symbolisiert hier die Gefühle des Menschen, den Verstand, überhaupt sein Ich. Dort verweilen die Gedanken. Was sind Gedanken eigentlich? In der Schrift beziehen sich Gedanken auf zwei Tätigkeiten: sie bewerten und sie planen. Beides gehört zusammen: wer etwas beabsichtigt, erwägt gleichzeitig die Umstände und Möglichkeiten. Sie zeichnen sich durch eine gewisse Unruhe und ständige Bewegung aus, sie wirbeln.3

Auch die Gedanken Gottes „wirbeln“ – um uns herum. Sie streben unserem Wohl zu. Sogar durch die bösen Pläne der Menschen beabsichtigt Gott unser Wohl (Gen 50,20). Und da Gott auch nichts verborgen bleibt und alles ohne Irrtum bewertet, sind seine Gedanken anders als unsere (Jes 55,8–9; vgl. Mi 4,12).

Außerdem sind die Gedanken Gottes heilig. Sie können nicht durch irgendeine Korruption manipuliert werden. Sie durchdringen die Welt und die Zeit wie ein Feuer, das das Gute reinigt und das Schlechte verzehrt. Ausdruck all dieser Bewegung ist der Name Gottes selbst: „Ich bin (hier)!“ Der Name Gottes regt uns zu Handlung an: Er öffnet unsere Augen für das Wesentliche, zeigt den Weg. Wer diesen Namen in sein Herz und in sein Handeln aufnimmt, der wird durch ihn geheiligt. Lassen wir unsere Gedanken von ihm durchdringen, dann nehmen sie die heiligen Gedanken Gottes auf.

Und das bedeutet völlige Umgestaltung. Die Unruhe und Bewegung unserer Gedanken geschehen tief in unserem Herzen, in unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten, unseren Motiven. Gedanken sind die innere Seite unseres Verhaltens, sie bestimmen unsere Einstellungen und unser Handeln. Ihr Einfluss erstreckt sich also von unserem Inneren bis zu unserem äußersten Verhalten. Und so breit ihr Einfluss ist, so gering ist ihre Festigkeit. Sie können Aufregungen unterliegen, flüchtig und vergänglich sein, sich zur Berechnung oder zum Schlechten verleiten lassen... Es ist deshalb sehr wichtig, dass unsere Gedanken in uns in die Gedanken Gottes umgestaltet werden. Gott ist der Einzige, der in die Tiefe unserer Gedanken eindringen, sie von innen stärken und mit dem heiligen Atem seiner Gedanken beeinflussen kann, ohne dabei deren Spontaneität und Bewegung zu zerstören. Diese Umgestaltung der Gedanken ist das erste Anliegen des Mönches. Und bedeutet auch unsere Rettung. In dieser Umgestaltung haben wir Schutz vor unserer Unbeständigkeit, Berechnung, Selbstbezogenheit und Illusionen, vor unzuverlässigen Plänen und falschen Hoffnungen für die Zukunft. Die Regel zitiert den biblischen Ausspruch: „Der heilige Gedanke bewahrt dich.“ (Verbindet Spr 2,11 und 2 Mak 12,45.) Bewahren verwendet die Schrift unter anderem im Zusammenhang mit der Ernte (Gen 41,35), mit dem Bewahren von Kindern am Leben (Ex 1,18), mit dem Schutz von Seele und Körper, einfach im Sinne von: Leben erhalten.

„Der heilige Gedanke bewahrt dich“ bedeutet: Er bewahrt dich für das Leben, erhält dich am Leben.

Panzergurt der Gerechtigkeit

Panzergurt

Der Panzergurt wurde ursprünglich aus Leder hergestellt, das mit metallenen Platten bedeckt war. Später wurde er ganz aus Metall gefertigt, sei es aus metallenen Riemen (auf einer starken Polsterung), oder es handelte sich um einen Kettenpanzer, Ringpanzer oder Drahtpanzer. Seine Aufgabe war es nicht nur, die Brust und den Rücken des Soldaten bestmöglich zu schützen, sondern auch einen freien Bewegungsraum zu ermöglichen (er musste so leicht wie möglich und körpergerecht sein). So ermutigt hl. Albert: „Es ist nötig, den Panzergurt der Gerechtigkeit anzuziehen...“

Gerechtigkeit in der biblischen Spiritualität enthält drei Aspekte:

  • sie bewahrt: wie ein angenehmes Klima, das auf allem Wahren und Kostbaren, Wertvollen fokussiert ist, und somit die Möglichkeit gibt, dass es sich in einem konkreten Moment verwirklicht;
  • sie lenkt, gibt Ordnung;
  • sie schafft Recht.

Der Herr allein ist gerecht, kann die ganze Herde führen und keine von den Schafen verloren gehen lassen.

Die göttliche Gerechtigkeit hat sich in Christus offenbart. Er hat die Verlorenen gerettet; an ihm erkennen wir, was es bedeutet, allen ihr Recht zukommen zu lassen. Der Panzergurt der Gerechtigkeit ist also zuerst Gott angelegt: „Er hat sich die Gerechtigkeit wie einen Panzer angezogen...“ (Jes 59,17; vgl. auch Weish 5,18).

Die Regel – völlig biblisch – verbindet Gerechtigkeit mit Liebe. „Es ist nötig, den Panzergurt der Gerechtigkeit anzuziehen, damit ihr den Herrn, euren Gott, lieben möget von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von aller Kraft und euren Nächsten wie euch selbst.“ Es geht um die Liebe zu Gott, zu den Nächsten und zu sich selbst. Gerechtigkeit bedeutet nämlich: jeden zu seinem Lebensrecht kommen zu lassen, also den anderen zu bewahren. Und die dreiartige Liebe ist miteinander verbunden: Wer sich selbst nicht annehmen kann, kann auch seinen Nächsten nicht „bewahren“. Wer den Nächsten nicht sieht, sieht auch Gott nicht. Gott ist der grenzenlos liebende Abba und aus der Bergpredigt (Mt 5–7) ist offensichtlich, dass wir, die Jünger Jesu, nach einer „Gerechtigkeit streben sollen, die viel perfekter ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“ (5,20) und den Aufruf annehmen: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (5,48). Liebe ist die Gerechtigkeit im Überfluss, Liebe ist das Herz der Gerechtigkeit.

All die genannten dreifachen Dimensionen der Liebe – zu Gott, zu den Nächsten, zu sich selbst – müssen dabei zur Anwendung kommen. Interessant dazu spricht das „Buch der ersten Mönche“: „Gott musst du um seiner selbst willen lieben; dich selbst jedoch nicht um dich selbst willen, sondern um Gottes willen. Und weil du den Nächsten lieben musst wie dich selbst, darfst du auch ihn nicht um seiner selbst willen oder um deines selbst willen lieben, sondern nur um Gottes willen.“

Die Liebe Gottes lehrt mich im Bereich der Liebe zu den Nächsten, dass Liebe bedingungslos liebt, nicht zwingt, kreativ ist, nicht bindet, barmherzig ist. Die Nächstenliebe lehrt mich im Bereich der Liebe zu Gott, dass Liebe wechselseitig, beiderseitig, konkret und greifbar ist. Die Selbstliebe lehrt mich im Bereich der Liebe zu Gott, dass Liebe die Eigenart jedes Einzelnen bewahrt, dass die Annahme von sich nicht etwas Einmaliges ist, sondern sich stetig vertieft. Und im Bereich der Nächstenliebe lehrt mich die Liebe zu mir selbst, dass auch der andere Mensch, ebenso wie ich, einen Prozess der Selbstannahme durchläuft, dass er sterblich, mehrdeutig, manchmal gehemmt, geheimnisvoll und offen ist. In diesem Dreiecksprozess der Liebe transformiert sich jeder von uns und diese dreifache Ordnung der Liebe ist die höchste Gerechtigkeit, ihr Vollzug.

Nach den Notizen von Schwester Petra vom Auferstandenen, OCD,
bearbeitet von P. Gorazd, O.Carm.
Zeichnungen Lída und Honzík Švarc.


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