(Laut P. Keese Waaijmana, O.Carm.)
Orte zum Verweilen haben (Kap. 10–17)
Neben einer gut strukturierten Gemeinschaft (Kap. 4) ist ein grundlegendes Element für das Leben der Karmeliter auch der Ort zum Verweilen.1 Das beinhaltet: separate Zellen (Kap. 6) und einen Gemeinschaftsspeisesaal (Kap. 7), der nicht willkürlich verändert werden darf (Kap. 8), und Menschen von außen haben über den Prior Zugang (Kap. 9).
In diesen Kapiteln finden wir keinen Hinweis auf einen speziellen Raum für das Gebet. Die Anweisung zur Kapelle erscheint erst einige Kapitel später. Reicht der Ort zum Verweilen für den karmelitanischen Lebensstil an sich aus?
Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, dass im Text ältere Passagen mit neueren abwechseln: Die jüngere – aus der Revision der Regel im Jahr 1247 – ist Kap. 5, aus der die Brüder bereits zwischen dem Leben in Einsiedeleien (in der Abgeschiedenheit) und dem Leben in Konventen in den Städten wählen können, gefolgt von der älteren (ursprünglichen Albert-Text) über separate Zellen. Die Vorschrift über den gemeinsamen Speisesaal ist wiederum eine jüngere Ergänzung im Rahmen der erwähnten Regelrevision, während die folgenden Kapitel über die Unverwechselbarkeit des Ortes und die Zelle des Priors aus dem älteren Albert-Text stammen.
Und auch in diesen Zeilen wechselt der Fokus zwischen dem, was außen ist, und dem, was innen ist: Nach dem Hinweis auf die Umgebung, die eine Einsamkeit oder eine andere Umgebung sein kann (gemeint ist: also auch die Stadt), richtet sich der Blick nach innen auf den Ort zum Verweilen (Zellen, Speisesaal, Unterscheidung der Zellen). Die Anweisung zur Aufnahme von Gästen durch den Prior bezieht sich erneut auf die Beziehung zur Umgebung.
Der Begriff „Ort“ kann in verschiedenen Bedeutungen verwendet werden:
1. Geografische Bezeichnung: Die karmelitanische Gemeinschaft entstand im Wadi Ain-es-Síah im Karmelgebirge. Archäologische Forschungen haben bestätigt, dass die Brüder die an den Hängen des Tals verstreuten Höhlen als Zellen genutzt haben, wobei sich ungefähr an der Stelle des Zugangs zu diesem Gelände die Zelle des Priors befand und inmitten der Behausungen eine Kapelle stand. Ein ähnliches Schema war für solche Gemeinschaften üblich. Nachdem sich die Karmeliter den Bettelorden angenähert hatten, änderten sich dementsprechend auch die Orte ihres Verweilens in städtische Konvente.
2. Stellung aus kirchenrechtlicher Sicht: Damals wurde in der Kirche der Ausdruck locus religiosus (Ordensort) verwendet. Er bezeichnete den Ort, an dem die Ordensgemeinschaft lebte, und drückte deren Anerkennung als Ordensgemeinschaft aus. Nur der lokale Bischof konnte einem Ort und einer Gemeinschaft einen solchen Status zusprechen.
Wenn also der heilige Albert die Gemeinschaft „an der Quelle auf dem Karmel“ bezeichnet, bedeutet das mehr als nur eine topografische Bezeichnung; er legitimiert sie kanonisch als Ordensgemeinschaft.
3. Gesellschafts- und religionssoziologischer Status: Bis tief ins Mittelalter war die Einsamkeit ein ausschließliches Zeichen des Ordenslebens. Die Ordensleuten gehörten zu einsamen Orten. Einsamkeit war das Synonym für ihren Lebensstil. Die Worte unserer Regel, dass die Karmeliter Orte zum Verweilen auch woanders als in der Einsamkeit haben können: „oder dort, wo sie euch geschenkt werden,“ bieten auch eine neue Alternative: den mendikantischen Lebensstil in den Städten.
4. Ort im mystischen Sinne: Das Karmelgebirge war für die ersten Karmeliter ein Rückzugsort von der Welt, entsprechend ihrem inneren Verlangen, in Gott gezogen zu werden. Dieser kontemplative „Wandel“ von der Welt zu Gott findet selbstverständlich konkret statt – an dem Ort, wo ich wohne, wo ich arbeite und wo ich lebe – es geht jedoch nicht um einen Transport (im Sinne von Verkehr). Es geht um meine Verwandlung durch die Suche nach Gott. Im mystischen Sinne bedeutet das Verweilen an einem solchen Ort, das Verlassen von dem, was fest, sicher, vorhergesehen und geplant ist; und das Voranschreiten weiter – in ein noch unbewohntes Gebiet, in die Einsamkeit und in die Wüste. Damit wir von Gott tiefer in seine unerschöpfliche Güte und grenzenlose Liebe gezogen werden können. Das ist der Ort der mystischen Einsamkeit, den die Väter der Wüste suchten.
In der Einsamkeit oder in der Stadt (Kap. 5)
- Orte könnt ihr in der Einsamkeit oder dort haben, wo sie euch geschenkt werden,
- geeignet und tauglich für euren Ordenslebensstil,
- je nachdem, was der Prior und die anderen Brüder für angemessen halten.
Dieses Kapitel stipuliert dreierlei: wo die Karmeliter ihren Aufenthaltsort haben können (A), welches Kriterium dabei erfüllt sein muss (B) und wer darüber entscheidet (C).
A) Laut dieser Version der Regel, formuliert durch die Revision unter Innozenz IV., konnten die Karmeliter seit 1247 frei zwischen dem Leben in Einsamkeit und dem mendikantischen Lebensstil wählen. Wir haben bereits darüber gesprochen, dass das Ordensleben früher immer das Leben in Einsamkeit bedeutete. Und als die wahrhaftigsten Ordensleute wurden Eremiten angesehen. Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts begann das Ordensleben sich den Städten anzunähern. Zuerst indem die Ordensleute in der Nähe der Städte residierten. Sie gingen in die Stadt, kehrten jedoch nachts immer zu ihren Wohnsitzen zurück. Später lebten die Gemeinschaften direkt in den Städten. Gleichzeitig entstand in dieser Zeit die städtische Gesellschaft. Die Bettelbrüder waren insbesondere mit ihren ärmeren und ärmsten Schichten in Kontakt. Die überarbeitete Regel ließ den Karmelitern die Wahl, ob sie ein Leben in Einsamkeit oder in der Stadt wählen würden. Damit befanden sie sich gesellschaftlich und religiös in der Mitte eines Spannungsfeldes, das sie lösen mussten. Dazu wurde ihnen das Kriterium zur Verfügung gestellt.
B) Als Kriterium für die Wahl des Ortes gilt, dass die Orte „geeignet und tauglich für euren Ordenslebensstil“ sein müssen. Es spielt also keine Rolle, ob der Sitz an einem einsamen Ort oder in der Stadt ist, noch weniger die geografische Lage oder die kirchenrechtliche Stellung der Gemeinschaft. Natürlich muss der Ort irgendwie für die Ansiedlung geeignet sein, der kirchliche Vorgesetzte muss dem zustimmen; soll es sich um eine Einsiedeleienkolonie handeln, muss die Anordnung des Ortes dem entsprechen, und soll es sich um ein städtisches Konvent handeln, muss dieser auch die notwendigen Vorzüge haben. Aber es wird deutlich, dass das Entscheidende ist: dass der gewählte Ort in dem erwähnten mystischen Sinne ein Ort ist. Der Ort, den der Prior und die Brüder wählen, muss zur inneren Verwandlung in Gott beitragen. Je mehr dieser Ort dem Charakter der Wüste nahekommt, wo alles nur von Gott abhängt und wo wir andere Stützen verlieren, desto geeigneter ist er. Diese Perspektive ist bei der Wahl des Ortes wichtig!
Wird darauf geachtet, kann, wo auch immer gewählt wird, der Ort immer „Karmel“ sein. Einer der ältesten grundlegenden Texte über die Spiritualität unseres Ordens ist die sog. Rubrica prima, die aus dem Jahr 1281 stammt. Sie bietet den jüngeren Brüdern Unterricht und Anleitung, wie sie auf die Frage nach der Entstehung und dem Alter unseres Ordens antworten sollen. Der junge Karmeliter muss nämlich gut wissen, woher der Karmel stammt! Aus welcher Quelle. „Karmel“ ist kein Ort im Karmelgebirge, noch eine Einsiedelei oder ein städtisches Kloster, sondern der Ort, wo wir mit Elias in Gott hineingezogen werden.
Hier könnte die Frage aufkommen: Sind dann in diesem Sinne nicht „geeignet und tauglich“ letztlich alle Orte? Jeder Ort? Schließlich kann ich mich überall mit dem Schöpfer verbinden, mich an den Herrn wenden... Geeignet und tauglich sind die Orte, bei denen ihre Funktion und ihr Status nicht vorher festgelegt sind. Je mehr das bestimmte Ort durch die natürliche Lage, seinen historischen Wert, seinen gesellschaftlichen Bedeutungs oder seine unvermeidliche Funktion definiert ist, desto weniger geeignet ist er. Je mehr es der Unbedeutsamkeit nahekommt, die zur Wüste führt, in der alles nur in Bezug auf Gott Bedeutung hat, desto geeigneter und tauglicher wird es sein. Aus dieser Sicht ist es auch nicht geeignet, im Gebäude der Kirche zu wohnen. Denn dann ist bereits der religiöse Sinn aller Gegebenheiten nachdrücklich festgelegt. Ich empfinde es als glücklich, dass im Regelwerk das Thema Raum für das Gebet erst später zur Sprache kommt. Erst nachdem, dass wir uns mit der Eignung unseres Ortes für unseren geistlichen Lebensstil auseinandersetzen mussten. Es ist nicht wünschenswert, hier das klösterliche Einsiedlermodell oder das städtische Konvent zu definieren. Sogar eine Definition des „Karmel“ würde störend wirken. Das Einzige, was jetzt wichtig ist, ist: den richtigen Ort zu finden.
C) Bei der Wahl des Ortes entscheiden der Prior und die Brüder, also das Collegium, die Gemeinschaft.
Zellen (Kap. 6)
Die Regel legt fest: „... und jeder von euch möge ein separate Zelle haben.“ Hier wird von den Unterkünften für die einzelnen Brüder gesprochen. Manchmal waren die Zellen der Brüder in den Einsiedlergemeinschaften in einem bestimmten Abstand voneinander verteilt (und vielleicht so, dass alle Zellen einen Blick auf einen gemeinsamen Ort in der Mitte hatten), manchmal waren sie mit einer Seitenwand verbunden, aber jede hatte einen eigenen Eingang. Die Karmeliter lebten zunächst in einander nicht angrenzenden Zellen. Nach der Regelrevision wurde davon abgesehen. Dabei änderte sich auch die Funktion der Zellen. Damals wurde ein gemeinsames Essen im gemeinsamen Refektorium eingeführt, sie bereiteten sich also nicht mehr in den Zellen zu. In den Städten hing es auch davon ab, welche Häuser ihnen geschenkt wurden. Daher rechnet die Regel mit der Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten: „nach der Anordnung des Ortes“. Befürworter des mendikantischen Stils gaben die getrennten Zellen auf, und dies setzte sich allgemein durch. Seit 1294 wird in den Statuten des Ordens nicht mehr auf getrennte Zellen verwiesen, wobei die Regel unverändert blieb, die wir als ein Symbol betrachten, über das man nachdenken muss.
Getrennte Zellen sollten gemäß der alten eremitischen Erfahrung das laute Beten ermöglichen, laut „seufzen“. Nikolaus Gallus schreibt: „Keine gemeinsamen Wände! Wie soll man da laut beten?“ In der Regel wird zweimal betont, dass jeder eine Zelle für sich haben möge: „singuli vestrum singulas habeant cellulas separatas“, d.h. jeder Einzelne von euch möge eine einzelne separate Zelle haben.
Die Zelle trennt nicht nur von der Umgebung (sondern reserviert für Gott), sondern auch von Zerstreuungen. Johannes Cassianus spricht davon, dass beim Verweilen außerhalb der Zelle unter dem offenen Himmel die Gedanken sich leicht in die Umgebung verstreuen und die gesamte Konzentration ausschließlich auf die inneren Dinge zerstreut wird.2 Die Zelle führt zur Einfachheit und Schlichtheit. Sie verlangt abzugeben alles Gesammelte und Unwesentliche, alles Selbstbetrug und Vergleiche. Sie bringt zur befreienden Einsamkeit. Die Zelle führt mich in den mystischen Raum des Ortes. Was der „Ort zum Verweilen“ allen gibt, gibt mir die Zelle persönlich: sie entbindet mich von zwischenmenschlichen Beziehungen, von Vorurteilen und Urteilen, die andere über mich haben. Und durch einen schmerzhaften Prozess (als ob Schicht für Schicht abgezogen werden müsste) befreit sie mich.
Die Zelle hingegen nimmt mich an, spürt meine Einsamkeit. Der jüdische Denker Emmanuel Levinas verbindet die gastfreundliche Seite des menschlichen Zuhauses mit der Rolle der Frau, mit dem Weiblichen. Ähnlich ist das Innere der Zelle ein Schoß des Mitgefühls, der göttlichen Präsenz. Im Karmel ist diese bedingungslose Annahme, dieses Merkmal des Zuhauses mit der Jungfrau Maria verbunden. Die Zelle wie Maria ist ein Zeichen der Gastfreundschaft und der Annahme.
Die Zelle hat grundlegende Bedeutung für das karmelitanische Leben. Deshalb wird dieser Vorschrift über die Zellen in der Regel die gleiche Ernsthaftigkeit wie der Wahl des Priors zugeschrieben. Die Zelle wird mir nach Überlegung durch den Prior und die Brüder zugewiesen, und zwar mit großer Sorgfalt darüber, ob sie für mich geeignet ist. Bei dieser feierlichen Zuweisung der Zelle ist nichts Übertriebenes. Schließlich ist die Zelle die Nabelschnur, die uns mit dem Ort verbindet.
Gemeinschaftsspeisesaal (Kap. 7)
Die Vorschrift über den Gemeinschaftsspeisesaal stammt aus der Regelrevision von Innozenz. Gemeinschaftliches Essen und gemeinsames Gebet wurden zu dieser Zeit in den Klöstern Pflicht, neue Ordensgemeinschaften folgten darin der benediktinischen Tradition. (Philipp Ribot nennt noch einen praktischen Grund: Sofern der zuständige Bruder das Essen in alle Zellen verteilte, waren die Portionen kalt.) Auf jeden Fall bedeutete gemeinsames Essen eine Abschwächung des Einsiedlerlebens. Es drückte jedoch Gleichheit und gegenseitige Liebe aus.
Das Hören auf die heilige Schrift während des Essens ist außerdem eine alte monastische Gewohnheit. Damit wurde Geschwätz und die zu starke Fokussierung auf das Essen verhindert. „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ (Mt 4,4 nach Deut 8,3.)
In Innozenz’ Version der Regel steht die Bestimmung über den Gemeinschaftsspeisesaal eindeutig in Verbindung mit der Vorschrift über die getrennten Zellen. Der bereits zitierte E. Levinas weist darauf hin, dass beim Genießen von Nahrung sich der Mensch nicht der Welt um ihn herum widmet, sondern sich zurückzieht. So wie in der ursprünglichen Albert-Ordnung die Zelle die Welt ausschließt und für Gott reserviert, so verstärkt das Essen in der Zelle dieses Element noch. Was wollte die Regelrevision mit der Vorschrift über die gemeinsame Einnahme von Speisen bewirken? Gemeinsame Essräume relativieren mein Essen. Und ebenso relativiert gemeinsames Hören auf die Schrift im Schweigen die Meditation Tag und Nacht in der Zelle (Kap. 10). Denn während des Essens wurde die Schrift zusammenhängend vorgelesen, nicht nur Abschnitte ausgewählt. Das Zuhören war entspannter als bei der Meditation und weniger zielgerichtet als bei der Liturgie.
Die Regel zwingt nicht; sie erwähnt: „wo es leicht aufrechterhalten werden kann.“ Dabei ist nicht ganz klar, ob dieser Rücksicht auf die Gegebenheiten sich auf die Einführung des gemeinsamen Essens, den Bau des gemeinsamen Speisesaals oder das Vorlesen der Schrift bezieht. (Es könnte sich auf alle diese Elemente beziehen: Möglicherweise wehrten sich die Einsiedler gegen die Einführung des gemeinsamen Essens; oder bestehende Kolonien von Einsiedlern mussten nicht sofort eine Speisehalle bauen; dem Vorlesen könnte der Text oder der Vorleser gefehlt haben.) Der Übergang zur gemeinsamen Einnahme von Speisen bedeutete eine Abschwächung des Einsiedleransatzes im Leben der Karmeliter und eine Stärkung des gemeinschaftlichen Lebens. Aber wir sollten diese Veränderung nicht überbewerten: Beide Elemente – sowohl Einsamkeit als auch Gemeinschaft – sind bereits als Stützpfeiler im Text festgehalten, der von Albert verfasst wurde. Nur der Fokus hat sich nun verschoben.
Orte nicht wechseln (Kap. 8)
Das Verbot, einen zugewiesenen Ort zu ändern oder zu tauschen, folgte im ursprünglichen Albert-Text unmittelbar nach dem Befehl, jedem Bruder eine eigene Zelle zuzuweisen. Durch die Einfügung des Kapitels über die Gemeinschaftsküche (bei Innozenz’ Regelrevision) wurde dieser gedankliche Zusammenhang unterbrochen. Doch auch der Text in der überarbeiteten Form hat seine Logik nicht verloren. So wie der Genuss von Nahrung den Bruder einengen kann, was die Anwesenheit anderer und das gemeinsame Essen durchbrechen soll, kann auch ein gegenteiliger Hang eintreten: sich auf die anderen fixieren, sodass wir nicht wir selbst sind. Orte zu tauschen würde bedeuten, sein Privatleben (wortwörtlich: seine Intimität) zum Gegenstand des Handels zu machen.
Keinem Bruder ist es ohne die Erlaubnis des jeweiligen Priors erlaubt, den Ort zu wechseln, der ihm zugewiesen wurde, oder diesen mit einem anderen zu tauschen.
Inhaltlich hat dieses Verbot mehrere Bedeutungen: Eine Zelle innerhalb des Klosters nicht zu wechseln, nicht im Rahmen einer Einsiedelei in den für einen anderen Einsiedler reservierten Raum einzutreten, nicht von einem Konvent zu einem anderen zu ziehen, nicht zu reisen.
In den ersten Zeiten des Ordens bezog sich das Verbot auf das Umziehen innerhalb des Klosters, später wahrscheinlich auf die Veränderung des Ortes als solchen, das heißt: der gesamte Konvent zog an einen anderen Ort um (vergessen wir nicht, dass der Ausdruck Ort in der Regel die gesamte Einsiedlerkolonie bezeichnet). Eine weitere mögliche Bedeutung wäre, dass ein Ortswechsel eine Verbesserung des Status (Status) bedeuten könnte.
Allgemein gilt im alltäglichen Leben: Durch den Austausch und den Handel gehe ich mit den Gegebenheiten um, als ob ich ihr Herr wäre, sie besäße. Ich greife sie auf, manipuliere sie. Und so macht derjenige, der seinen Ort wechselt oder über ihn verhandelt, den Ort ipso facto zum „Produkt“ – als ob es das Ergebnis seiner Tätigkeit wäre. Aber der Ort ist uns gegeben! Er ist etwas, das ich annehme, ein Geschenk Gottes – ebenso wie das göttliche Verweilen in uns. Und wer so handeln würde, fällt aus der Gemeinschaft heraus, hört auf, einer der Brüder oder Schwestern zu sein, sondern versucht, sich höher zu stellen. Wer die Zelle wechselt, entfremdet sich von der Gemeinschaft. Daher kann einen Ortswechsel innerhalb der Gemeinschaft nur die Gemeinschaft selbst in der Person des Prior erlauben. Damit wird einer Mentalität des Tauschhandels vorgebeugt.
Es gehört zu der Essenz meines Ortes, dass mir dieser befohlen, zugewiesen, erlaubt ist. Leider verstehen wir das heute nur wenig. Deshalb lassen wir nicht zu, dass unser Ort auf uns wirkt und suchen das Glück anderswo, bei anderen. Der einzige Ort, an dem ich Erfüllung finde, ist der Ort um mich herum, der Ort, an dem ich mich befinde. Alles andere ist nichts. Willkürlich hier zu wechseln, zu tauschen, zu handeln, das sind Wege, die nirgends hinführen, Sackgassen.
Zelle am Eingang (Kap. 9)
Die Regel dachte allgemein an Gastfreundschaft. In der Albert-Ordnung ist die Annahme von Gästen mit der Bestimmung des Ortes verbunden: „Die Zelle des Priors sei nahe am Eingang, damit er die ersten Begegnungen mit den Ankommenden hat...“ Der Wohnsitz der Brüder hat also eine Vorderseite, den Eingang. Dieser spielt eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Innen und Außen.
Lassen Sie uns zunächst den Blick von außen nach innen richten, also aus den Augen dessen, der in die Einsiedelei kommt. Wir könnten vier Kategorien von Gästen unterscheiden:
A) Candidaten: In der Einsiedelei konnte jeder Einsiedler seine Schüler empfangen und sie in das geistliche Leben einführen. Nachdem die Karmeliter zu einer Gemeinschaft geworden waren, konnte keiner der Eremiten mehr nach außen als selbstständiger „Vater“ auftreten. Neue Mitglieder werden von der Gemeinschaft aufgenommen, nicht von Einzelpersonen.
B) Pilger: Die Pilgerfahrt war ein asketischer Lebensstil. Auch die Karmeliter sind aus der Pilgerbewegung hervorgegangen. Ein Pilger verließ sein bisheriges Leben und begab sich in eine unbequeme, gefährliche Welt. Der Besuch heiliger Stätten, insbesondere der in dem Heiligen Land, war dabei ein wichtiger Bestandteil.
C) Andere Eremiten: Aus der Mönchsliteratur wissen wir, dass Eremiten heilige Eremiten besuchten, um von ihnen zu lernen. (Johannes Cassianus berichtet, dass die ständige Unruhe für die berühmten Väter aufgrund der vielen Brüder, die sie besuchten oder um Rat für ihren geistlichen Fortschritt suchten, eine große Geduld erforderten.)
D) Gläubige aus der Umgebung: Menschen, die in der Umgebung des Klosters lebten, suchten bei den Mönchen Hilfe – Unterricht in geistlichen Dingen, geistliche Begleitung, Gebet, Unterstützung in schwierigen Situationen.
Wir wissen nicht, welche Menschen die Einsiedler auf dem Karmel besuchten. Wichtig ist, dass es Menschen waren, die von außen kamen, Gäste. Sie suchten nach Gastfreundschaft.
Und die Gastfreundschaft richtet sich von innen nach außen. Dies macht die Zelle des Priors in der Nähe des Eingangs zu einem gastfreundlichen Ort. Für diejenigen, die innen leben, ist der Ort bereits höchst gastfreundlich. Jetzt öffnet er sich auch nach außen. E. Levinas ist überzeugt, dass erst durch das Öffnen der Unterkunft für Gäste das richtige Verhältnis zu ihr erreicht wird. „Die Möglichkeit, sich dem anderen zu öffnen, ist für das Wesen des Hauses ebenso wesentlich wie geschlossene Fenster und Türen.“ Für den Kontakt des Gastes mit der Gastfreundschaft ist das persönliche Kennenlernen, das gegenseitige Erkennen des Gesichts des anderen wichtig. Erst dann wird etwas organisiert: „Möge alles geschehen, was notwendig zu tun ist.“ Der Prior weiß dann, mit wem er es zu tun hat, kennt den Grund, warum jemand kommt. Der Eingang ist kein Ort, es ist eine Person – der Prior, das „Sakrament der Begegnung“, ein Gesicht nach außen. Hier ist der Prior (lat. prior – der Erste), der ansonsten in der Mitte der Brüder als Diener und Sklave sein sollte (Kap. 22), im Treffen mit dem Außenstehenden tatsächlich der Erste (lat. primus).
Zusammenhang
Dem ursprünglichen „Karmel“ – einer Gruppe von Einsiedlern im Niemandsland, etablierte Albert grundlegende Elemente, die seinen Innenraum öffnen und die Beziehung zwischen dem Inneren und der äußeren Welt regeln.
- Die Kapitel 4–9 bilden die „Architektur“ des Karmels. Ihre Grundlagen bilden: „Zuerst stellen wir fest, dass einer von euch als Prior zu haben ist...“ und „Außerdem... möge jeder von euch eine eigene separate Zelle haben...“ In einer Harmonie, die nicht ohne Spannung ist, verbinden sich hier die Bausteine des cenobitischen Lebens (einen Prior zu haben) und des Einsiedlerlebens (jeder eine separate Zelle zu haben). Durch die Revision im Jahr 1247 wird ein drittes Element zwischen sie eingefügt – der Ort: „Orte jedoch könnt ihr haben...“
- Der Innenraum der Architektur des Karmels wird durch mehrere Spannungen zwischen den grundlegenden Elementen geprägt:
- Ort × Gemeinschaft (zwischen dem Ort und seinen Bewohnern)
- Ort × Zelle (wobei der Ort für die Gemeinschaft da ist, die Zelle dem Einzelnen dient)
- Prior × Brüder
- Person × Gemeinschaft (die Regel verwendet gelegentlich die Pronomen ihr, euer, manchmal spricht sie von jedem der Brüder).
Im Licht dieser Spannungen ist offensichtlich, wie wichtig der Gemeinschaftsspeisesaal (im Gegensatz zu den Zellen ist dies ein Raum für die Gemeinschaft), das Oratorium für das gemeinsame Gebet (Kap. 14), der Eingang, das Unterscheiden der Zellen. - Jede Architektur wirkt auch auf die Spannung zwischen dem, was innen ist, und dem Außenliegenden. Aus der Regel ist ersichtlich, dass die Karmeliter eine autonome Gemeinschaft sind, die sich selbst einen Prior wählt, selbst bestimmt, wo sie leben will etc. Die Flexibilität in diesem Spannungsverhältnis (Innen × Außen) wird bei der Übersiedlung nach Europa sehr wichtig sein. Die genannten grundlegenden Spannungen werden immer im Spiel sein, das konkrete Erscheinungsbild (Einsamkeit oder Stadt, mehr Geschlossenheit oder Offenheit) ist nur relativ.
Die Architektur des Karmels bedeutet die grundlegende Ausstattung: das Kleid, das getragen wird, das Haus, das bewohnt wird, das Buch, das gelesen wird, das Ritual, das bei der Feier verwendet wird. Es ist zum Gebrauch bestimmt, und das Schlüsselwort hier ist haben. Wir haben einen Prior, um ihm zuzuhören, wir haben einen Ort, um dort zu leben, wir haben Zellen und eine Speisekammer. Diese Ausstattung wird die Regel weiter aufzählen: Wir haben die Schrift, den Psalter, das Vermögen, das Oratorium, die Kapitel. All das bildet die grundlegende Ausrüstung des karmelitanischen Lebens. Im folgenden Abschnitt der Regel geht es darum, mit dieser Ausstattung umzugehen. Indem wir in der Zelle verweilen, die Schrift meditieren, die Psalmen rezitieren, die Dinge gemeinsam tun, im Oratorium zusammenkommen, Fragen der Seelenrettung besprechen. Der Umgang mit all dem bedeutet unsere geistliche Transformation.