Jesus verkündet die frohe Botschaft.

bibliche Meditation zum dritten Geheimnis des Lichtrosenkranzes (1. Teil)

P. Vojtěch Brož

Jesus, Verkünder des Evangeliums: Der Evangelist Markus, nachdem er sein Evangelium mit der Botschaft über Johannes den Täufer, der Taufe Jesu und seinem Aufenthalt in der Wüste eingeleitet hat, beschreibt den Beginn von Jesu öffentlichem Wirken: „Nachdem Johannes gefangen genommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündete dort das Evangelium Gottes: ‚Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!‘“ (Mk 1,14–15). Jesu öffentliches Wirken beginnt also mit der Verkündigung des Evangeliums. Diese Verkündigung Jesu ist ein konkretes historisches Ereignis. Sie hat ihre genauen Koordinaten im Raum-Zeit-Kontinuum: in Galiläa nach der Gefangennahme Johannes des Täufers. Die Zeit von Jesu Verkündigung ist ein neuer kairos, ein günstiger Zeitpunkt, eine Zeit des Heils; eine Zeit, die ungefähr drei Jahre seines öffentlichen Wirkens umfasst. Nicht jeder hatte das Glück, an dieser gesegneten Zeit teilzuhaben. Darum glücklichpreist Jesus die Ohren, die seine Worte hören durften, die viele Propheten, Gerechte und Könige hören wollten, aber sie nicht hörten (vgl. Mt 13,16–17; Lk 10,23).

Jesus verkündet das Evangelium, die frohe Botschaft. In seinen Worten finden sich auch Tadel und Drohungen, es werden auch unverständliche und nicht akzeptable Worte über sein Kreuz enthalten sein und auch der Aufruf zur Nachfolge – zum Kreuz. Dennoch handelt es sich immer noch um eine frohe Botschaft, um Gottes Angebot von Heil und Leben.

Der eigentliche Inhalt von Jesu froher Botschaft ist die Fülle der Zeit und die Nähe des Reiches Gottes sowie die daraus folgende Aufforderung zur Umkehr und zum Glauben. Die Fülle der Zeit tritt ein, wenn sich das Reich Gottes nähert, welches Jesus verkündigt. Jesus kommt aus der Ewigkeit, aus dem Reich Gottes. Er trägt die Ewigkeit in sich. Wenn er von der Ewigkeit in die Zeit kommt, erfüllt er die Zeit. Kommt er als Gottes Sohn, der ewig freiwillig dem Vater geweiht ist, bringt er das Reich Gottes in sich auf die Erde, wo „der Herrscher dieser Welt“ herrscht. Das Reich Gottes ist keine territoriale oder politische Kategorie. Das Reich Gottes ist die Herrschaft Gottes. In gewissem Sinne ist es bereits überall etabliert, da Gott souverän ist. Doch die geschaffene Welt hat versucht, sich ihm zu entziehen, sich zu emanzipieren, wodurch sie in die Knechtschaft dessen gefallen ist, der sie dazu verführt hat, gefallen ins Unterjochen Satans. Gott respektiert die Freiheit des Menschen, und deshalb ist die Herrschaft Gottes im vollen Sinne nur dort, wo sich der Mensch freiwillig seinem Schöpfer unterwirft. Jesus kommt in die Welt in Gehorsam gegenüber dem Vater (vgl. Hebr 10,5–9) und trägt damit die Herrschaft Gottes in sich. Er etabliert sie überall, wo er hingeht. Das gesamte Lebenswerk von ihm hat das Ziel, die Herrschaft des Fürsten dieser Welt zu brechen und die Herrschaft Gottes des Vaters zu etablieren, das Reich Gottes auf der Erde zu gründen. Nun steht er am Anfang dieses Auftrags: Er verkündet, dass das Reich Gottes naht, und damit erfüllt sich die Zeit, die durch die Sünde entleert worden ist.

Jesus verkündet die Ankunft des Reiches Gottes. Das Reich Gottes kommt gerade durch diese Verkündigung. Es breitet sich nicht mit Schwert, Feuer oder Revolution aus, sondern durch die Verkündigung des Wortes. Das Instrument des Reiches Gottes ist das Wort: ein nicht demagogisches, einfaches Wort, das selbst von ungebildeten und analphabetischen Menschen verstanden werden kann. Gott verwendet für die Etablierung seiner Herrschaft etwas so Schwaches wie das Wort, das sich auf kein Machtmittel stützt, sondern nur auf sich selbst, auf seine Wahrheit, ein Wort, das einen Appell an die menschliche Freiheit richtet, die er als solche gewinnen will, nämlich als Freiheit, freie Freiheit, die sich frei unterordnet, ohne Zwang. Wie kann es sich in einer Welt behaupten, die voller demagogischer Ideologien ist, die mit betrügerischen Versprechungen und Einschüchterungen, Drohungen und Verfolgungen für Wahrheit und Gerechtigkeit verbunden sind? Gott setzt seine Herrschaft durch die Schwäche des menschlichen Wortes durch. Dieses Wort ist jedoch sein Wort, das Wort Gottes, allmächtig, das sich jedoch hinter der Schwäche des menschlichen Wortes verbirgt. Es zwingt nicht, es fordert vom Menschen die freie Annahme. Dazu muss der Mensch jedoch sein Denken, seine Mentalität ändern. Deshalb verbindet Jesus mit der Verkündigung des Reiches Gottes die Aufforderung zur Umkehr und zum Glauben an sein Evangelium: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Das tschechische „obrátit se“ bedeutet, die Körperorientierung zu ändern und damit die Richtung des Blicks oder der Bewegung. Der griechische Text verzeichnet Jesu Aufforderung mit metanoeite; das bedeutet wörtlich: „Ändert euren Geist!“ Viele verstehen die Umkehr nur moralisch als Verhaltensänderung. Das ist aber zu wenig. Umkehr bedeutet eine Veränderung der Denkweise und der Sicht auf die Wirklichkeit. Das umfasst eine vollständige Neuordnung, Umstrukturierung der eigenen inneren Struktur, eine Neubewertung aller Werte, möglicherweise sogar einen Austausch der grundlegendsten Voraussetzungen unserer Urteile. Wir können fragen, ob so etwas überhaupt möglich ist. Im Gespräch mit Nikodemus vergleicht Jesus eine solche Veränderung mit einer neuen Geburt. Vielleicht ist es ein größeres Wunder, als Greis neu geboren zu werden, als überhaupt geboren zu werden (vgl. Joh 3,3–9). Daraus wird deutlich, dass eine solche Umkehr nicht in den menschlichen Kräften liegt, wie es nicht in der Kraft eines ungeborenen Menschen liegt, sich selbst Leben zu geben. Deshalb ist auch der Aufruf zur Umkehr, zur Veränderung der Mentalität, zum Verlassen der Mentalität dieser Welt, aus der wir hervorgegangen sind und in der wir so heimisch geworden sind, und zur Annahme der Mentalität des Reiches Gottes, der Logik Gottes, nur in Abhängigkeit von der Behauptung möglich: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe!“ Wenn auf der einen Seite für die Annahme des Reiches Gottes eine Umkehr notwendig ist, als Bedingung und Voraussetzung, dann ist diese Umkehr wiederum nur im Hinblick auf die Nähe des Reiches Gottes möglich, als Folge. Unter keinen Umständen wird das Reich Gottes durch unsere Umkehr, durch unsere moralischen und geistlichen Anstrengungen aufgebaut. Das Reich Gottes bringt Jesus in sich, verkündigt es mit seinem Wort, das gleichzeitig zur Umkehr einlädt. Und wie mächtig sein Wort ist, durch das er das Reich Gottes in diese Welt trägt, so ist auch mächtig sein Wort, mit dem er uns zur Umkehr ruft.

Wir sind durchdrungen von der Mentalität dieser Welt. Vor der Umkehr gibt es in uns so viel von der Logik des Herrschers dieser Welt. Das Evangelium als Lebensweg anzunehmen, d. h. am Evangelium zu glauben, erscheint uns so schwierig: der Mensch hat das Gefühl, dass er in eine völlig andere, unbekannte Welt eintritt, in der alles so fremd und unwahrscheinlich erscheint. Und doch wird der Mensch erst dann wirklich er selbst, findet seine wahre Identität, kehrt an seinen richtigen Platz zurück. Es ist nicht ohne Interesse, dass das hebräische Wort für Umkehr, Konversion, tešúváh, wörtlich „Rückkehr“ bedeutet. Der Mensch erreicht sein Ziel durch die Rückkehr zu seinem ursprünglichsten Ausgangspunkt, d. h. zu Gott. Da er sich jedoch entfernt hat und somit auch sich selbst entfernt hat, findet er sich selbst durch die Umkehr, denn bisher war er abgewandt oder verdreht. Er findet seinen Platz und seinen Weg nur durch Kursänderung, denn bisher war er auf Abwege oder auf dem Weg ins Verderben.

Von seinem ersten Auftreten bis zum letzten Tag vor seiner Verhaftung verkündete oder lehrte Jesus unablässig. Dies hielt er für das zentrale Element seiner Mission: Er war mit dem Geist des Herrn erfüllt und gesandt, das Evangelium den Armen zu verkündigen (Lk 4,18). Als man ihn an einem Ort festhalten wollte, sagte er zu seinen Jüngern: „Lasst uns woanders hingehen, in die nahe gelegenen Städte, damit ich auch dort verkündigen kann, denn dazu bin ich gekommen“ (Mk 1,38). Jesus betrachtet also die Verkündigung als den ersten Punkt seiner Mission. Aus dieser Perspektive können wir seine Wunder der Heilung von Taubstummen besser verstehen: Jesus gab ihnen damit vor allem die Möglichkeit, sein Wort zu hören. Den größten Teil seiner Zeit widmete er dem Predigen und Lehren. Er lehrte auf dem Vorhof des Tempels, in Synagogen in ganz Palästina, am Seeufer, auf dem Berg, unterwegs und in Häusern. Er lehrte alle: seine Jünger, Einzelne und Menschenmengen. Obwohl er keine Werbung wollte, liefen die Menschen von überall zu ihm. Seine Lehre erregte Staunen, „weil er sie lehrte wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mk 1,22; vgl. Mt 7,28–29), sie erweckte die Frage: „Was ist das? Eine neue Lehre – und mit solcher Vollmacht!“ (Mk 1,27).

Jesu Wort zeigte sich auf doppelte Weise als mächtig: in seiner Kraft und Autorität. Jesu Wort hat übermenschliche Macht. Wenn Jesus spricht, geschieht etwas: Die Blinden sehen, die Tauben hören, die Aussätzigen werden gereinigt, die Lahmen gehen, die Toten erstehen, die Sünder werden von ihrer Schuld befreit, die Dämonen fliehen, der Wind verstummt, das tobende Meer beruhigt sich... Jesu Wort hat aber auch eine unterwerfende Kraft, die es gewinnt über seine Zuhörer. Die Diener des Hohen Rates, die ihn festnehmen sollten, kehrten ohne Beute zurück und geben als Grund an, warum sie Jesus nicht gefangen nahmen: „Noch nie hat ein Mensch so geredet!“ (Joh 7,46). Jesus lehrt mit einer nie dagewesenen Autorität, die er nicht auf andere menschliche Autoritäten stützt, noch auf Mose, nicht einmal auf Gott. Er spricht als einer, der sich seiner absoluten Autorität bewusst ist: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde... Ich aber sage euch...“ (Mt 5,21–22 usw.). Jesus erlaubt sich, die höchste Autorität seines Volkes, das Gesetz, das Gott Mose gegeben hat, zu korrigieren. Er stellt sich über Mose, spricht aus eigener Autorität und erhebt damit Anspruch auf göttliche Autorität für sein Wort. Gegenüber seinen Jüngern betrachtete er sich als den einzigen Meister, der – im Gegensatz zu den Rabbinen – das Recht hat, seine Jünger zu wählen, das Recht hat, von ihnen zu fordern, dass sie nicht nur seiner Auslegung, sondern auch seiner Person folgen, dass sie nicht nur seine Weisheit lieben, sondern ihn lieben, und zwar mehr als Väter, Mütter, Frauen, Kinder, ja sogar mehr als sich selbst.

Jesus, das Wort Gottes: Indem Jesus das Verkündigen des Wortes als grundlegenden Inhalt seiner Mission betrachtet, reiht er sich in die Reihe der Propheten ein. Seine Mission ist vor allem prophetisch: nicht im Sinne der Vorhersage der Zukunft, sondern im Sinne der Verkündigung des lebendigen Wortes Gottes und der Zeugenaussage über den Zustand der Dinge vor Gott. Von den Menschen wurde er für einen Propheten gehalten (vgl. Mt 21,11; Lk 7,16; Joh 4,19). Der Brief an die Hebräer stellt ihn jedoch nicht in eine Reihe mit den Propheten, sondern hinter diese Reihe, als deren Erfüllung und Überwindung: „Gott hat in der Vergangenheit vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten zu unseren Vätern gesprochen; in dieser letzten Zeit hat er zu uns durch den Sohn gesprochen“ (1,1–2). Was ist der Unterschied zwischen den alten Propheten und Jesus? Die Propheten führten ihre Aussagen mit den Worten ein: „So spricht der Herr...“ oder: „Wort des Herrn...“ Jesus sagt statt dessen: „Amen, amen, ich sage euch...“ Auch hier können wir, ähnlich wie in Bezug auf das Gesetz Moses, Jesu Gewissenhaftigkeit beobachten, mit der er sich nicht auf eine höhere Autorität stützt, weder auf das Gesetz noch auf irgendeinen älteren Propheten, nicht einmal auf Gott, sondern selbst für sich und aus sich heraus spricht, und zwar mit einer Verbindlichkeit, die nur Gott fordern kann. Sein Wort ist ewig wie Gott selbst: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!“ (Mt 24,35).

Trotz der absoluten Unabhängigkeit und Souveränität, mit der Jesus spricht und handelt, offenbart er auch die vollständige Abhängigkeit und Unterordnung gegenüber dem Vater. Jesus hat sein Wort nicht aus sich und von sich, sondern vom Vater. Im Johannesevangelium spricht er in fast jeder Seite davon. „Meine Lehre ist nicht meine, sondern des, der mich gesandt hat“ (7,16). „Der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und ich spreche zur Welt, was ich von ihm gehört habe... Ich spreche so, wie mich der Vater gelehrt hat“ (8,26.28). „Ich habe nicht aus mir selbst gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir den Befehl gegeben, was ich sagen und was ich verkündigen soll... Was ich also sage, spreche ich so, wie es mir der Vater gesagt hat“ (12,49–50) usw. Jesus ist durch und durch offen für das Wort des Vaters, so sehr, dass er selbst das Wort Gottes ist: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ (Joh 1,1). Somit hat er nicht nur Worte des ewigen Lebens (6,68), sondern er ist selbst das Wort! Als Wort des Vaters nimmt er sein ganzes Sein von dem, der es ausspricht, dann kann er es auch in vollem Maße teilen. In der Armut des Geistes lässt er sich vom Vater aussprechen und wird so zu seinem Wort. Jesus ist das Wort. Das erklärt sowohl seine vollkommene Abhängigkeit vom Vater als auch seine Unabhängigkeit von Mose. Jesus ist selbst das Wort, er kann also aus sich selbst sprechen, aus eigenem Inhalt und auf Grundlage eigener Autorität, und dennoch spricht er nicht aus sich selbst, sondern aus dem Vater, der ihm alles gegeben hat. Wenn Jesus denn das Wort Gottes ist, dann wird ihm „das Wort Gottes“ nicht von außen zuteil, wie es bei den Propheten der Fall war, sondern er gibt es aus seiner eigenen Wesensart heraus. Bei ihm geht es um eine vollkommene Identifikation der Person mit der Mission, die bei den Propheten nicht zu erwarten war. Daraus, dass Jesus das Wort Gottes ist, ergibt sich die vollkommene Einheit zwischen seiner Botschaft und seinem Leben, die Identität zwischen Verkündigung und der Person des Verkündigers. Jesus bringt mit seinem Wort und seiner Person das Reich Gottes, denn er selbst ist das Wort und die vollkommene Verwirklichung des Reiches Gottes. In diesem Sinn ist der Beginn des Markusevangeliums nicht nur als „Evangelium von Jesus Christus“ zu verstehen, sondern auch als „Evangelium Jesus Christus“ (Mk 1,1), also als frohe Botschaft, deren Inhalt und Verkündiger Jesus Christus selbst ist. Und wenn der zentrale Inhalt seines Evangeliums das Reich Gottes ist, dann können wir zusammen mit Origenes sagen, dass Jesus selbst dieses Reich ist, Jesus ist autobasileia.

Jesus selbst ist das Evangelium, dessen erster Verkünder er ist, Jesus selbst ist „das Wort Gottes“ (Offb 19,13). Geht es bei Jesus um eine vollkommene Identifikation zwischen dem Verkünder und der Botschaft, dann gibt Jesus in seiner Mission tatsächlich von sich selbst, gibt sich selbst. Aber damit ist er gerade so das Wort des Vaters. Gott teilt sich in ihm selbst mit, und zwar endgültig in dieser letzten Zeit, eschatologisch (Hebr 1,2). Der Vater teilt in ihm alles mit. Er gibt in ihm alles. „Gott gibt niemals weniger als sich selbst“, schreibt Augustinus.1 Gott gibt in seinem Wort alles, denn sein Wort ist sein eingeborener Sohn, dem er ganzes alles gibt. Der Allmächtige (omnipotens) Vater zeigt seine Allmacht gerade darin, dass er im Gegensatz zu menschlichen Vätern in der Lage ist, seinem Sohn seine ganze Wesenheit ungeteilt zu offenbaren, dass er fähig ist, sich ohne Rest zu schenken. Menschliche Väter, auch wenn sie mächtig sind, können neues Leben geben, sind jedoch nicht „omnipotent“ wie Gott: zum einen, weil sie zur Zeugung eines Nachkommen eine Frau benötigen, während der Vater dem Sohn „Vater“ und „Mutter“ ist; auch weil irdische Väter niemals alle ihre fruchtbaren Möglichkeiten ausschöpfen; und schließlich, auch wenn sie vielleicht alle ihre fortpflanzungsfähigen Möglichkeiten nutzen könnten, geben sie dadurch immer das Leben einem anderen, und ihr eigenes Leben bleibt Ihnen erhalten und ungeteilt. Gott äußert sich in der Ewigkeit so vollkommen, so erschöpfend, dass er seinem Sohn ganzes Sein gibt. Dieser ist sein wesensgleiches Sohn, sein erschöpfendes Wort, das Wort, mit dem der Vater seine göttliche „Du“ an den Sohn richtet, dem er durch diese Anrede auch das Leben schenkt.

Als der Sohn Mensch wurde, als das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte (Joh 1,14), sagte und gab uns Gott in ihm alles. Das erschöpfende Wort, mit dem Gott zu sich selbst spricht, mit dem er sein wesensgleiches göttliches Du anspricht, richtet sich jetzt an uns. „Einmal sprach Gott und sprach so das einzige ewige Wort“, schreibt der heilige Bernard.2 Und der heilige Johannes vom Kreuz erklärt, warum es im Neuen Testament nicht erlaubt ist, Gott auf übernatürliche Weise zu befragen:3

Kurz gesagt, in dieser Zeit der Gnade, in der der Glaube in Christus gefestigt ist und das Gesetz des Evangeliums offenbar ist, gibt es keinen Grund, sich auf diese Weise zu fragen und keinen Grund, warum er noch reden und antworten sollte wie damals. Denn als er uns seinen Sohn gegeben hat, der sein Wort ist, hat er uns alles einmal für allemal gesagt und hat nichts mehr zu sagen... Gott ist wie stumm geworden und hat nichts mehr zu sagen, weil er das, was er einst schrittweise den Propheten gesagt hat, im Ganzen gesagt hat, indem er uns alles gegeben hat, nämlich seinen Sohn.

In diesem Sinne können wir auch die Tatsache verstehen, dass Jesus am Ende seines öffentlichen Lebens, erfüllt von Verkündigung und Lehre, schweigt. Darin kann man die Erfüllung der prophetischen Worte über Gottes Diener sehen. Sein Auftrag war prophetisch, für ihn erhielt er den Geist des Herrn und die Zunge wie ein Schwert. Er rief die Inseln auf, zuzuhören (vgl. Jes 42,1–4; 49,1–2; 50,4). Das alles aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Aufgrund der Ablehnung seiner Botschaft durch diejenigen, an die sie gerichtet war, gelingt es dem Diener nicht, die ihm übertragene heilsbringende Wahrheit zu übermitteln. Deshalb ändert sich die Umriß des Auftrags: Letztlich mündet er in das Leiden, und der Diener nimmt es vorbehaltlos und geräuschlos an. „Er öffnete seinen Mund nicht wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird. Wie ein Schaf, das vor den Scherern schweigt, öffnete er seinen Mund nicht“ (Jes 53,7). Die Kirche sah von Anfang an die Erfüllung dessen, was prophetisch in der Gestalt Gottes Dieners angedeutet wurde, in Jesus (vgl. Apg 8,26–40). Auch Jesus verkündete – und nach anfänglicher Bewunderung erntete er schließlich nur vollständige Ablehnung. Bei seiner Befragung durch den Hohenpriester fasst Jesus seinen gesamten Auftrag mit den Worten zusammen: „Ich habe öffentlich zu der Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt...“ Welche Reaktion? „Kaum hatte er das gesagt, schlug ihm einer der Diener... ins Gesicht...” (Joh 18,20-22). Jesus wird ein Schlag ins Gesicht gegeben als symbolische Antwort auf seine lebenslange Verkündigungstätigkeit.

So endet für Jesus der Auftrag des Verkünders und Lehrers, und der Auftrag des leidenden Dieners, des Lammes Gottes (vgl. Joh 1,29), beginnt. Ebenso wie der Diener schließt auch Jesus am Ende seines prophetischen Auftrags seinen Mund und übergibt sich dem Leiden. Mehrmals in der Passionsgeschichte ist Jesu Schweigen belegt: Jesus jedoch schwieg (Mt 26,63; vgl. 27,12–14). „Er aber schwieg und antwortete nichts“ (Mk 14,61; vgl. 15,5; Lk 23,9; Joh 19,9). „Der Sohn, der das Wort ist, wurde zum Schweigen.“4 Sein letzter Ausdruck ist nicht mehr das Wort, sondern ein durchdringender, unaussprechlicher Schrei, eine mächtige Stimme (Mk 15,37), der unmittelbar gefolgt wird, nachdem er vergeblich versucht hat, den Vater zu erreichen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Es gibt keinen Ruf. Der Vater ist hier nicht, es gibt also keinen Dialog. Wo aber kein Dialog ist, da ist auch kein Wort! Der Vater hat sich vom Sohn abgewandt, der für uns zur Sünde wurde (2 Kor 5,21), und daher stirbt Jesus. Er stirbt als Mensch, er stirbt als das Wort Gottes. Gott stirbt. Die letzten Fragmente seines Seins drücken sich im Schrei ins Leere aus. Das Wort ist verstummt. Denn es wurde vollständig ausgesprochen, bis zur Grenze. Und dieses Wort, das zum Schweigen wurde, ist die herausragendste Offenbarung des göttlichen Inhalts, des ewigen Lebens Gottes! Die Stunde der Dunkelheit ist zugleich eine Explosion des Lichts, ein Ausbruch des göttlichen Ruhmes in diese Welt. Der Tod Christi offenbarte das Leben Gottes, sein Schweigen am Kreuz ist das Wort, das niemals aufhören wird zu klingen. Das Wort, das sich dadurch mitteilte, dass es verklang und stumm wurde, dass es sich selbst aufgab, dass es sich hingab. Nur dies ist das wirklich verwirklichte Wort Gottes. Nicht nur das Wort des Sohnes zu seinen Jüngern, sondern das Wort Gottes zur Welt. „Das mächtigste Wort, das der Vater in Jesus gesagt hat, ist sein Schweigen im Tod.“5 Und das ist das Evangelium, das bis ans Ende der Welt verkündet wird.

Jesus-Wort erfüllt die Worte der Schrift: Jesus ist das Wort Gottes, der vollkommene Ausdruck des Gottesvaters, der Glanz seiner Herrlichkeit und das Zeichenbild seiner Substanz (Hebr 1,3). Da er selbst das allmächtige Wort Gottes ist, hat sein Wort die Kraft, den Wind, den Sturm und die Dämonen zu befehlen, die Toten aus dem Grab zu rufen usw. Jesus kann mit seinem Wort auch alle menschlichen Worte erfüllen, die ohne sein Wort nur leere Spreu sind. Jesus als das fleischgewordene, gekreuzigte und auferstandene Wort erfüllt auch alle Worte der Schrift, die ohne ihn eine unerfüllte Verheißung geblieben wären. Schon während seines öffentlichen Dienstes erhielten die Worte der Schrift, die Jesus sprach, ihre Fülle. Als er in der Synagoge von Nazareth den Ausschnitt aus dem Propheten Jesaja über die Salbung und Sendung des Messias (61,1–2) las, konnte er das Buch schließen und sagen: „Heute ist diese Schrift erfüllt worden, die ihr gerade gehört habt!“ (Lk 4,21). Jesus erfüllt die tote Litera mit sich selbst, mit seinem Leben, mit seinem Geist. Bis der auferstandene Herr erscheint, der mit seinem Tod alles vollendet und erfüllt hat (Joh 19,28.30), können die Jünger die Schrift noch nicht verstehen (Joh 20,9), „weil ein Schleier bleibt, wenn das Alte Testament gelesen wird und nicht offenbart wird, dass es in Christus endet“ (2 Kor 3,14). Der auferstandene Jesus erfüllt die gesamte Schrift und entfernt damit den Schleier, der auf dem Gesetz lag. Den Emmausjüngern erklärt er, was in allen Teilen der Schrift auf ihn verweist (Lk 24,27), und sie können rückblickend feststellen: „Brennte nicht unser Herz, als er auf dem Weg mit uns sprach und uns die Schrift auslegte?“ (Lk 24,32). Und als er dann am Abend den Jüngern in Jerusalem erscheint und sie davon überzeugt, dass er kein Geist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der auch essen kann (vgl. Lk 24,36nn.), kann Lukas schließlich bemerken: Damals öffnete er ihnen den Sinn, damit sie die Schrift verstanden (24,45). Christus lässt uns die Schrift verstehen, weil er ihr lebendiges Erfüllung ist. Christus ist das Ziel des Gesetzes (Röm 10,4). In ihm haben alle göttlichen Verheißungen ihr „Ja“ gefunden (2 Kor 1,20). Johannes sieht im Offenbarung das Lamm als geschlachtet, und doch stehend, also lebendig, auferstanden, das allein würdig ist, die Rolle, die mit sieben Siegeln versiegelt ist, zu nehmen und zu öffnen (Offb 5).

 


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